17. August 1908 - Welt-Vegetarier-Kongress in Dresden beginnt

Obst und Gemüse auf einem Verkaufsstand

Stichtag

17. August 1908 - Welt-Vegetarier-Kongress in Dresden beginnt

"Das ist das einzige Fleisch, das ich in meinem Leben jemals gegessen habe: Currywurst und Fischstäbchen, als wirklich kleines Kind", sagt Iris Radisch, Literaturkritikerin im Feuilleton der Wochenzeitung "Die Zeit" und Vegetarierin in vierter Generation. "Ich habe ein Widerwillen gegen Fleisch, den hatte ich von Anfang an und den hab ich heute noch. Meine Töchter sind Vegetarier in der fünften Generation."

Radischs Urgroßvater begründete die Familientradition des Fleischverzichts. Er gehörte einer Lebensreformbewegung an, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Auswüchse der Industrialisierung kritisierte. "Der vegetarische Gedanke ist weltumfassend, und wir sprechen von einer vegetarischen Weltanschauung. Das legt den Plan nahe, auch die Menschenwelt von überall in dem vegetarischen Gedanken zu vereinen." Mit diesen Worten begann der Bericht über den ersten Welt-Vegetarier-Kongress, der am 17. August 1908 in Dresden stattfand. Der Urgroßvater von Iris Radisch war nicht dabei, es nahmen gerade einmal 21 Männer und Frauen teil. Vegetarier waren und sind eine Minderheit: Laut dem Fleischatlas 2013 ernähren sich 2,2 Prozent der Frauen und ein Prozent der Männer in Deutschland ohne Fleisch. Trotz Massentierhaltung und Fleischskandalen isst jeder Deutsche rund 89 Kilogramm Fleisch im Jahr.

Philosophen werben für Mitleid mit Tieren

Doch der Vegetarismus hat eine lange Geschichte. Schon der Mathematiker Pythagoras aß kein Fleisch, im 6. Jahrhundert v. Chr. Ovid ließ ihn in seinen Metamorphosen sagen: "Welche schlimme Gewöhnung, welche Vorbereitung auf das Ermorden von Menschen ist es, wenn einer ruchlos dem Kälbchen die Kehle durchschneidet, … wenn er das Böcklein, obschon es wimmert wie ein Kind, erwürgt ... Wie wenig fehlt bei solchen Verbrechen noch zum wirklichen Mord? Wohin soll das noch führen!"

Später warben Philosophen wie Michel de Montaigne, Jean-Jacques Rousseau, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche für Mitleid mit Tieren. Auch Leonardo da Vinci, Leo Tolstoi und Franz Kafka verzichteten auf Fleisch.

"Vegetarier sein, ist etwas, das man gerade so darf"

Während der Hungerjahre der Nachkriegszeit allerdings schien es absurd, dass jemand freiwillig auf Fleisch verzichten könnte. "Nach dem Krieg bin auch ich so groß geworden: Vegetarier sein, ist etwas, das man gerade so darf, über das man aber lieber nicht spricht", erinnert sich Iris Radisch.

Heute lehnen besonders junge Frauen das Fleischessen ab. "Meine jüngste Tochter ist eine fanatische Vegetarierin, die die ganze Welt missionieren möchte. Die hält es gar nicht aus zu wissen, dass es Schlachthöfe gibt", sagt Radisch.

Stand: 17.08.2013

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