15. November 1862 – Gerhart Hauptmann wird geboren

Gerhart Johann Robert Hauptmann (1862-1946)

Stichtag

15. November 1862 – Gerhart Hauptmann wird geboren

"Echte Dramen sind immer Gegenwart." Von diesem Grundsatz ist Gerhart Hauptmann überzeugt. Um besonders realitätsnah über das Leid der schlesischen Leinenweber schreiben zu können, reist er ins Eulengebirge. Ergebnis ist das Theaterstück "Die Weber" (1892), das seinem Autor den Ruf einbringt, einer der bedeutendsten naturalistischen Schriftsteller zu sein: nicht zuletzt auch deshalb, weil seine Erstfassung "De Waber" im schlesischen Dialekt verfasst ist.

Die Darstellung des Leids der Arbeiter, das mit dem Zynismus eines Fabrikbesitzers kollidiert, macht Weber aber nicht nur Freunde. Das Bürgertum ist schier entsetzt, Wilhelm II. kündigt nach der Uraufführung im Deutschen Theater 1893 in Berlin seine Loge. Noch 1896 wird der Kaiser sich weigern, dem als "sozialdemokratisch" gebrandmarkten Hauptmann den Schillerpreis zu überreichen.

Die Prägung durch soziale Umstände

Geboren wird Hauptmann am 15. November 1862 im schlesischen Ober-Salzbrunn. Er ist ein schlechter, aufmüpfiger Schüler; nach einer Ausbildung auf dem Landgut eines Onkels tritt er 1880 in der Kunst- und Gewerbeschule Breslau einer Bildhauerklasse bei. Hier kommt er auch erstmals mit dem Theater in Kontakt. 1885 heiratet er die Kaufmannstochter Marie Thienemann, die ihn zunächst finanziell über Wasser hält. Im gleichen Jahr zieht das Paar in die Nähe von Berlin. Drei Jahre später erscheint die Novelle "Bahnwärter Thiel", deren Titelfigur durch seine sozialen Umstände und familiäre Unglücksfälle zum Mörder wird. Heute gilt das Werk als ein Schlüsseltext des deutschen Naturalismus.

1889 bringt die "Freie Bühne" Hauptmanns Stück "Vor Sonnenaufgang" über die Prägung des Menschen durch die gesellschaftlichen Gegebenheiten zur Aufführung - in geschlossener Gesellschaft, um die Zensur zu umgehen. Das Stück verursacht wegen seiner Thematisierung von Sexualität und Alkoholismus trotzdem einen Skandal – ebenso wie die "Weber", die von der Zensur nach der Uraufführung 1893 erst nach einem Gerichtsurteil wieder freigegeben werden und das Theater vor allem wegen ihres Verzichts auf einen konkreten Helden revolutionieren. Bertolt Brecht wird später sagen, Hauptmann habe "die Masse auf die Bühne" gebracht.

Sympathie für Hitler

Trotz aller Kritik machen "Die Weber" Hauptmann zu einem gefeierten Autor. 1912 wird ihm der Literatur-Nobelpreis verliehen, 1922 finden in Breslau erstmals Gerhart-Hauptmann-Festspiele statt. Da ist der Autor schon zu einem der führenden Intellektuellen der Weimarer Republik geworden. Dabei lässt sich Hauptmann, der sein Engagement für die Armen immer mehr auch mit nationalem Pathos verbindet, weder vom sozialdemokratischen noch vom nationalsozialistischen Lager vereinnahmen – auch wenn ihn die Figur Adolf Hitlers stark beeindruckt und er "Mein Kampf" begeistert liest.

1944 erscheint nach vierjähriger Arbeit Hauptmanns dramatische "Atriden"-Tetralogie, die, in jambischem Versmaß verfasst, im Umfeld der griechischen Mythologie angesiedelt ist. Das Kriegsende erlebt der Autor in einem Sanatorium. Die Vertreibung aus seinem Haus im schlesischen Agnetendorf (Agnieszków) bleibt ihm erspart. Er stirbt 83-jährig kurz vor der Zwangsräumung im Juni 1946 nach einer schweren Bronchitis.

Stand: 15.11.2012

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