9. September 1947 - Letzte "Exodus"-Flüchtlinge in Hamburg ausgeschifft

Junge Exodus-Flüchtlinge hinter Stacheldraht im Lager Pöppendorf bei Lübeck am 10.09.1947

Stichtag

9. September 1947 - Letzte "Exodus"-Flüchtlinge in Hamburg ausgeschifft

Sommer 1947: Im ehemaligen Deutschen Reich sitzen mehr als 100.000 europäische Juden als sogenannte Displaced Persons in mehr als 700 Auffanglagern fest - zwei Jahre nach dem Ende der Judenvernichtung durch die Nazis. "Eine der wesentlichen Ursachen war darin begründet, dass es nach 1945, also nach der Befreiung, noch gewalttätige Pogrome gegen Juden in Osteuropa, vor allem in Polen gab", sagt Geschichtsprofessor Michael Brenner von der Universität München. "Als einziges zumindest vorläufiges Ziel stellte sich für die meisten die amerikanische Zone Deutschlands dar."

Viele der Holocaust-Überlebenden sehen ihre Zukunft in Palästina. Jüdische Paramilitärs kämpfen dort seit Jahrzehnten für eine neue Heimat für ihr Volk. Die Hagana, der bewaffnete Arm der zionistischen Bewegung, schleust von 1938 bis 1947 mehr als 100.000 europäische Juden nach Palästina - viel mehr Einwanderer als die dortige britische Mandatsmacht erlaubt. In der Nacht vom 10. auf den 11. Juli 1947 verlässt schließlich die "Exodus" den Hafen von Sète bei Montpellier. An Bord des Dampfers, den die Hagana von einem amerikanischen Schiffsfriedhof geholt hat, befinden sich 4.515 Menschen. Die meisten von ihnen sind aus den Auffanglagern für "Displaced Persons" herausgeschleust worden.

Britische Schiffsblockade vor Haifa

20 Seemeilen vor der Küste Palästinas stößt die "Exodus" auf eine Blockade: Britische Kriegsschiffe nehmen die "Exodus" in die Mitte. "Zwei Zerstörer haben das Schiff gerammt von beiden Seiten", erinnert sich der Auschwitz-Überlebende Noah Kliger, damals 20 Jahre alt und Teil der Besatzung. Die Passagiere der "Exodus" wehren sich. Sie feuern mit Kartoffeln und Konservendosen auf die britischen Matrosen. Vier Stunden dauert der Kampf. "Da haben sie zum ersten Mal geschossen", so Kliger. "Und da hatten wir sofort drei Tote und 150 Verletzte." Die Briten schleppen das Wrack der "Exodus" nach Haifa. "Das Schiff sah aus wie eine Streichholzschachtel, die in einen Nussknacker geraten war", sagt die Journalistin Ruth Gruber, die das Geschehen an Land beobachtet hat.

Am nächsten Tag zwingen britische Soldaten die Passagiere, auf drei Gefängnisschiffen nach Frankreich zurückzufahren. Eine Beobachterkommission der UNO sieht alles mit an. Zehn Tage später erreichen die erschöpften Flüchtlinge Port-de-Bouc bei Marseille. Aber fast alle weigern sich, die Schiffe zu verlassen. Nicht einmal 70 Menschen gehen an Land. "Sie haben uns vor Port-de-Bouc über dreieinhalb Wochen gehalten", sagt Kliger. "Es waren über 40 Grad." Dann nehmen die Schiffe Kurs auf Deutschland und erreichen am 8. September 1947 den Hamburger Hafen. "Um sich zu rächen, haben sie uns nach Hamburg gebracht, und dort wurden wir von Bord getragen", so Kliger. Bis zum nächsten Tag können sich die letzten Gefangenen gegen ihr Schicksal stemmen, doch am 9. September sind alle wieder auf deutschem Boden. Sie werden von der britischen Militärpolizei in die beiden Lager Pöppendorf und Am Stau bei Lübeck gebracht.

Tragödie begünstigt die Gründung Israels

Vier Wochen später ziehen die Briten in den zwei Lagern die Wachen ab. Auf Zypern halten sie zu dieser Zeit noch tausende Flüchtlinge in Internierungslagern fest. Die Hagana und die vorstaatliche Führung des jüdischen Staates nutzen die Vorkommnisse um die "Exodus", um für die Gründung Israels zu werben. Im Oktober 1947 spricht Mosche Scharet, Chef der Jewish Agency, vor der UN-Vollversammlung: "Der heimkehrende Jude glaubt fest daran, dass er in dieses Land gehört, in diesen Teil der Welt." Schon Ende September 1947 hatte Großbritanniens Kolonialminister Arthur Creech-Jones verkündet, sein Land wolle das Mandat für Palästina nicht weiter wahrnehmen.

Keine acht Monate nach der Ausschiffung der "Exodus" in Hamburg ziehen die Briten endgültig aus Palästina ab. "Wir haben uns heute, am letzten Tag des britischen Mandats über Palästina, hier eingefunden und verkünden die Errichtung eines jüdischen Staates im Lande Israel - des Staates Israel", sagt Ben Gurion am 14. Mai 1948. Er wird Ministerpräsident und Verteidigungsminister. Sofort greifen sechs arabische Armeen den neuen Nachbarstaat an. Der Nahost-Konflikt eskaliert.

Stand: 09.09.2012

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