9. August 1962 - Hermann Hesse stirbt in Montagnola

Hermann Hesse, Schriftsteller und Nobelpreisträger

Stichtag

9. August 1962 - Hermann Hesse stirbt in Montagnola

"Seltsam, im Nebel zu wandern! Leben ist Einsamsein", heißt es in der letzten Strophe von Hermann Hesses Gedicht "Im Nebel". "Kein Mensch kennt den andern, jeder ist allein." Der Schriftsteller, der noch heute weltweit zu den bekanntesten deutschen Autoren zählt, ist sein Leben lang auf der Suche nach dem Sinn. "Hesse wollte nicht glücklich sein, sondern unglücklich - das war der Motor für ihn", sagt Hesse-Biograf Heimo Schwilk.

Schon als 12-Jähriger weiß "Hermännle", was er werden will: "Entweder ein Dichter oder gar nichts!" Aber seine Erziehung bricht ihn fast. Am 2. Juli 1877 geboren, wächst er in der schwäbischen Kleinstadt Calw auf. Seine Eltern sind strenge Pietisten, sein Vater war früher evangelischer Missionar in Indien. "Hermann hat eine Riesenstärke, einen mächtigen Willen und wirklich einen ganz erstaunlichen Verstand", schreibt seine Mutter über den Vierjährigen, die von seinem "hohen Tyrannengeist" überfordert ist. Die Eltern geben das Kind in ein Erziehungsheim, wo Hermanns Eigensinn gebrochen werden soll. Als er nach einem halben Jahr zurückkehrt, ist die Mutter erleichtert: "Hermann ist so blass und still, also hat es wohl gewirkt."

"Es fragt sich, wer irre ist"

Hesse soll Priester werden, kommt auf das evangelische Elite-Klosterinternat Maulbronn - und ergreift die Flucht. Mit 15 Jahren versucht er, sich umzubringen. Eine Odyssee durch Nervenheilanstalten und Heime beginnt. An die Eltern schreibt er aus der Anstalt: "Es fragt sich, wer hier irre ist - ob ich es bin oder ob ihr es seid!" Schließlich beginnt er eine Buchhändlerlehre und nutzt seine freie Zeit zum Schreiben. Sein autobiografisch gefärbter Roman "Peter Camenzind" wird 1904 ein großer Erfolg. Hesse kündigt seinen Job und lebt fortan als Schriftsteller. Er heiratet Maria Bernoulli, die erste Schweizer Fotografin, und zieht mit ihr nach Gaienhofen am Bodensee. Mia ähnelt stark Hesses Mutter, ist einiges älter als er und kümmert sich um den verschüchterten Mitte-20-Jährigen. Die beiden bekommen drei Söhne.

Doch Hesse bricht aus der heilen Welt aus. Er lässt Frau und Kinder sitzen, reist nach Indien. Die Ehe zerbricht. Mia bekommt Depressionen, die Kinder landen in Heimen. Hesse sucht seine Freiheit. Er versucht sich in Heilfasten, Veganertum und Nacktklettern. Der Autor lebt nun alleine in Montagnola im schweizerischen Tessin. Dann scheitert eine weitere Ehe nach nur wenigen Jahren. Seine zweite Frau Ruth schreibt ihm: "Es bleibt keine Sorge und Hingabe mehr übrig für den, der neben dir lebt." Erst viel später findet er in seiner dritten Ehefrau Ninon die Partnerin, die ihn so nimmt, wie er ist: ein Einzelgänger.

1946 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet

Auch beruflich durchlebt Hesse schwierige Zeiten: Als er 1914 öffentlich gegen den Ersten Weltkrieg protestiert, gilt er als Vaterlandsverräter. Er zieht sich immer mehr zurück und schreibt seine großen Romane wie "Siddhartha", "Steppenwolf", "Narziss und Goldmund" und "Das Glasperlenspiel". Während des Zweiten Weltkriegs machen befreundete Autoren wie Thomas Mann und Bert Brecht auf dem Weg ins Exil Station bei ihm im Tessin. Politisch aber unternimmt Hesse nichts. Später rechtfertigt er sich, er habe nicht "im Elfenbeinturm gelebt": "Aber das erste und brennendste meiner Probleme war eben nie der Staat."

1946 wird Hesse für sein Werk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Menschen aus aller Welt suchen nun seinen Rat. Auch im hohen Alter beantwortet er noch fast jede Anfrage persönlich, insgesamt mehr als 30.000 Briefe. Hesse stirbt am 9. August 1962 - kurz nach seinem 85. Geburtstag - in Montagnola. Wenige Jahre später wird er zum Guru der Hippies: Sie lesen seine Schriften zur Bewusstseinerweiterung und empfehlen diese zum LSD-Konsum. In den USA gründet sich die Rock-Band "Steppenwolf", die unter anderem mit "Born to be wild" Erfolg hat.

Stand: 09.08.2012

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