20. März 1212 - Erste urkundliche Erwähnung des Leipziger Thomanerchors

Der Thomanerchor singt in Leipzig während eines Gottesdienstes in der Leipziger Thomaskirche, aufgenommen am 20.11.2011.

Stichtag

20. März 1212 - Erste urkundliche Erwähnung des Leipziger Thomanerchors

"Der erste Akkord ist Mist. Das soll der Beginn von einer tollen Bach-Motette sein! Das dauert auch zu lange, bis ihr da reinkommt." Vor Kantor Georg Christoph Biller schwingen die Stimmbänder von 100 Jungen und jungen Männern zwischen neun und 18 Jahren. Der Leipziger Thomanerchor probt für eine Vesper in der Thomaskirche und die Passanten werden ihnen bewundernd nachblicken, wenn die Jungen vorm Auftritt in Matrosenanzügen und die jungen Männer in Schlips und Kragen zur Thomaskirche schreiten. Die Sänger leben im Internat direkt neben der Thomasschule, etwa einen Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Vom Wecken um halb sieben in der Früh bis zur Nachtruhe ist der Tag der jungen Sänger ausgefüllt mit Schulbesuch, Hausarbeiten, Instrumentalunterricht und Chorproben. Dazu kommen Konzerttourneen, die den Chor auch nach Japan oder Amerika führen. "Unser Hochleistungschor setzt eben eine gewisse Robustheit voraus, der ist nichts für Sensibelchen", sagt der bis 2009 für den Thomanerchor zuständige Leipziger Kulturbürgermeister Georg Girardet. Thomaner Max Gläser, 11 Jahre alt, erklärt: "Mich hat das Singen getröstet. Und das schönste Stück, das ich bis jetzt gesungen habe, ist das Weihnachtsoratorium. Es ist eben prächtig und stark!" Johannes Toaspern, Vater eines mittlerweile ausgeschiedenen Thomaners und Pfarrer der Leipziger Peterskirche: "Es wird ja immer gesagt: Die Kinder opfern ihre Jugend. Das stimmt nicht. Sondern sie erleben eine Jugend unter einem bestimmten Vorzeichen, nämlich dem Vorzeichen der Musik mit den Anforderungen der Disziplin."

Glockenheller Gesang bei der Hinrichtung

"Glauben, singen, lernen" – das ist das Motto des Chors seit er unter Kaiser Otto IV. am 20. März 1212 im Kloster St. Thomas gegründet wurde. Die Ortschaft Leipzig mit 3.000 Einwohner hat erst wenige Jahrzehnte zuvor das Markt – und Stadtrecht erlangt. Neben dem Chorherrenstift entstehen eine Schule und die Thomaskirche. In den Gottesdiensten singen zwei Dutzend Knaben von prächtig verzierten Choralhandschriften. Als aus der Stiftskirche St. Thomas 1539 die evangelische Thomaskirche wird, gelangen Kloster und Thomanerchor in den Besitz der Stadt Leipzig. Die Knaben müssen sich nun ihren Lebensunterhalt größtenteils selbst verdienen: Mit Mantel und Dreispitz singen sie auf Hochzeiten, Beerdigungen oder Hinrichtungen. Als 1719 der Räuber Johann David Wagner verhaftet wird, leugnet er seine Schandtaten. Die Thomaner versuchen, ihn mit ihren glockenhellen Stimmen zu erweichen. Doch Wagner stopft sich die Ohren zu.

Bestrafung mit Rute und Karzer

1723 tritt der berühmteste Thomaskantor seinen Dienst an, Johann Sebastian Bach. Bis heute interpretieren die Thomaner hauptsächlich sein Vokalwerk. Zu seinen Zeiten erlebten die Sänger ein strenges Regiment, in der Schulordnung heißt es damals: "Würde jemand, ehe der Gottesdienst geendigt, sich aus der Kirche hinausschleichen und gar ausbleiben, der soll jedesmal mit der Rute, dem Karzer oder sonst ernstlich bestraft werden." Erst Ende des 18. Jahrhunderts leitet Thomaskantor Johann Adam Hiller Reformen ein: "Den Alumnis ist erlaubt, sich nicht mehr als Hunde, sondern als Menschen zu betrachten." Heute hält rund ein Drittel der Jungen die neun Jahre Schulzeit nicht durch und bricht vorzeitig ab.

Stand: 20.03.2012

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