07. März 2010 - Vor 70 Jahren: Rudi Dutschke wird geboren

Stichtag

07. März 2010 - Vor 70 Jahren: Rudi Dutschke wird geboren

Bundesrepublik Deutschland Mitte der 1960er Jahre: Das "Wirtschaftswunder" ist zu Ende. Eine große Koalition mit dem Alt-Nazi Kurt Georg Kiesinger an der Spitze regiert. Seit Mitte der 1950er Jahre wächst der Unmut der Jugend. Zuerst geht es um Musik und ein anderes Lebensgefühl: Rock'n Roll und Beat, lange Haare, legere Kleidung und lässige Umgangsformen. Dann wird der Protest politisch: Gesellschaftsordnung, Notstandsgesetze, Deutsche Vergangenheit, Vietnamkrieg. "Ich halte das bestehende parlamentarische System für unbrauchbar", kritisiert Rudi Dutschke, herausragender Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition (Apo). "Das heißt, wir haben in unserem Parlament keine Repräsentanten, die die wirklichen Interessen unserer Bevölkerung ausdrücken." Als Vertreter des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) will Dutschke revolutionär handeln: "Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unfähig sind, ihre eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen."

Geboren wird Rudi Dutschke am 7. März 1940 in Schönefeld bei Luckenwalde. Er wächst in der DDR auf, wo er sich in der evangelischen jungen Gemeinde engagiert. Als begeisterter Leichtathlet will er Sportreporter werden. Da er den Wehrdienst verweigert, wird ihm das Studium verwehrt. Kurz vor dem Mauerbau geht er nach Westberlin, studiert Soziologie und wird in der Studentenbewegung aktiv. Dutschke ist ständig in den Medien. "Permanenter Prediger der Revolution" und "Chefideologe" wird er genannt. Er will nicht weniger, als eine Welt ohne Krieg und Hunger. Stellvertretend für alle Rebellen wird Dutschke vom Establishment als Bedrohung inszeniert. Die Springer-Presse erklärt ihn zum "Staatsfeind Nummer eins". Am 7. Februar 1968 fordert die Bild-Zeitung "Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt!" und illustriert den Artikel mit Dutschke. Man dürfe "nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen". Am 11. April 1968 wird Dutschke vom jungen Hilfsarbeiter Josef Bachmann, dem rechtsextreme Tendenzen nachgesagt werden, mit drei Kugeln niedergeschossen. "Kugel Nummer eins kam aus Springers Zeitungswald", formuliert Wolf Biermann. Dutschke überlebt die schwere Hirnverletzung nur knapp. Mühsam muss er wieder sprechen lernen.

Als sich Dutschke Mitte der 1970er Jahre erneut politisch zu Wort meldet, ist er zum Märtyrer und Mythos geworden, der kaum noch Gehör findet. Die ehemaligen Mitstreiter von Apo und SDS haben mittlerweile unterschiedliche Positionen. Die "Rote Armee Fraktion" ist für Dutschke eine "Dummheit", "ohne Relevanz und Perspektive". In den sich formierenden Grünen sieht er hingegen eine neue Chance. 1977 nimmt er an der Anti-Atomkraft-Demonstration in Brockdorf teil. Die Gründung der Grünen als Bundespartei erlebt Dutschke jedoch nicht mehr: Er ertrinkt am 24. Dezember 1979 im dänischen Aarhus nach einem epileptischen Anfall - eine Spätfolge des Attentats.

Stand: 07.03.10