18. Mai 2008 - Vor 160 Jahren: Nationalversammlung in Frankfurt eröffnet

Stichtag

18. Mai 2008 - Vor 160 Jahren: Nationalversammlung in Frankfurt eröffnet

Wie schon bei der französischen Revolution geht das politische Erdbeben von Paris aus: Im Februar 1848 jagen die Franzosen ihren König Louis Philipp vom Thron und rufen die Republik aus. Insbesondere die jungen Intellektuellen im Deutschen Bund lassen sich von der revolutionären Stimmung anstecken. Sie wollen den Fürsten, die seit dem Sieg über Napoleon wieder den Absolutismus eingeführt haben, mehr Demokratie abtrotzen - und einen geeinten deutschen Staat statt des Flickenteppichs aus feudalen Kleinstaaten. Dafür gehen sie auf die Straße. In Berlin und Wien werden Barrikaden errichtet, es kommt zu Gewalt.

Überraschend schnell lenken die deutschen Fürsten und Könige ein. Sie genehmigen freie Wahlen für ein deutsches Parlament, zu denen allerdings nur Männer zugelassen sind. Am 18. Mai 1848 treffen sich die 831 Abgeordneten der Nationalversammlung erstmals in der Frankfurter Paulskirche. Die Stadt ist mit Blumen geschmückt, alle Glocken läuten, die Menschen stehen Spalier an den Straßen. Der Parlamentspräsident Heinrich von Gagern bringt die Aufgabe für die Versammlung auf den Punkt: "Wir sollen schaffen eine Verfassung für Deutschland, für das gesamte Reich."

Die Nationalversammlung ist ein Parlament des Bürgertums: Rechtsanwälte, Bankiers, Geschäftsleute, Grundbesitzer, Schriftsteller, Journalisten, Lehrer, Geistliche und allein 49 Professoren diskutieren miteinander. Es sind gerade einmal vier Handwerker und ein Kleinbauer vertreten. Diese Honoratioren suchen nach einem Ausgleich zwischen eher radikal-demokratischen und bürgerlich-liberalen Ansichten, einen echten Systemwechsel versuchen sie erst gar nicht. Der Dichter Georg Herwegh formuliert das Problem sarkastisch: "Sie bürsten und sie bürsten, die Fürsten bleiben Fürsten, die Mohren bleiben Mohren, trotz aller Professoren." Kein Regent im Deutschen Bund wird abgesetzt, der gesamte Apparat von Beamtenschaft und Militär bleibt unangetastet. Man wünscht sich eine Lösung von oben und trägt dem preußischen König die Würde eines deutschen Kaisers an. Das künftige Deutschland soll eine Wahlmonarchie mit bürgerlicher Mitbestimmung werden. Aber Friedrich Wilhelm IV. lehnt brüsk ab: "Einen solchen Reif aus Dreck und Kletten gebacken soll ein legitimer König von Gottes Gnaden und nun sogar König von Preußen sich geben lassen?"
Da kapitulieren die Parlamentarier. Dreizehn Monate nach der feierlichen Eröffnung wird die Nationalversammlung wieder geschlossen. Danach verfolgt der Polizeistaat die Demokraten. Preußen verfolgt das Projekt der deutschen Einheit ab jetzt selbst, ohne Demokratie. 1871 wird der preußische König schließlich doch deutscher Kaiser, ohne Revolution, aber nach einem Sieg über Frankreich.

Stand: 18.05.08