4. August 1921 - Opiumhöhlen in Hamburg geschlossen

Stichtag

4. August 1921 - Opiumhöhlen in Hamburg geschlossen

Vogelnest-Suppe, Hefeteig-Klößchen mit Schnittlauch oder gesalzene Hühnerfüße - wenn chinesische Seeleute zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Hamburger Hafen anlegen, freuen sie sich auf Spezialitäten aus ihrer Heimat. Im Stadtteil St. Pauli gibt es in der Schmuckstraße - unweit der Großen Freiheit - etliche chinesische Gaststätten. Die Betreiber sind Chinesen, von denen viele früher ebenfalls zur See gefahren sind. Sie haben als Heizer, Schmierer oder Kohlenschlepper gearbeitet und dann an Land ein eigenes Geschäft aufgezogen, hafennah und wegen der günstigeren Miete oft in Kellerräumen.

Neben den Gastwirtschaften gibt es Wäschereien, Gemüsegeschäfte und Kellerräume, die die chinesischen Einwanderer als Unterkünfte an ihre Landsleute vermieten. Von einer Chinatown wie in London oder New York kann jedoch keine Rede sein, die chinesische Community in Hamburg umfasst nur knapp 200 Personen. Sie wirkt allerdings größer wegen der Seeleute: Das Löschen der Schiffe dauert damals oft bis zu drei Wochen. Während dieser Zeit halten sich die Crews vorwiegend auf der Reeperbahn auf.

Immer wieder Razzien

In St. Pauli arbeiten und vergnügen sich brave und weniger brave Bürger. Darunter sind Prostituierte, Schieber, Betrüger und Drogenhändler. Nach dem Ersten Weltkrieg nimmt dort - wie in anderen Großstädten - der Handel mit Kokain, Morphium und Heroin zu. Es gibt sogar Opiumhöhlen. Zwei dieser Lokale werden am 4. August 1921 von der Polizei entdeckt und ausgehoben. Dabei gehen den Fahndern rund 50 Opiumraucher ins Netz, überwiegend Ausländer, insbesondere chinesische Seeleute. "Die Betreffenden lagen bereits im tiefsten Opiumrausch oder wurden Opium rauchend angetroffen", heißt es in einem Polizeibericht. "Die Aufdeckung weiterer gefährlicher Lokale steht bevor." Auch in den folgenden Jahren gibt es immer wieder Razzien, aber wenige Festnahmen. Der pauschale Verdacht, der auf den Chinesen lastet, bestätigt sich nicht. Die meisten Chinesen treffen sich in den Kellerlokalen von St. Pauli lediglich zum Essen und Ausruhen.

Rassistische Vorurteile

An den rassistischen Vorurteilen, wie sie in Teilen der deutschen Öffentlichkeit herrschen, ändert sich jedoch wenig. 1925 beschreibt die "Deutsche Zeitung" unter dem Titel "Die gelbe Gefahr in St. Pauli" eine Hamburger Opiumhöhle. Die "gelbrassigen Zeitgenossen", wie sie im Artikel genannt werden, sind hier unter sich. Obwohl bekannt ist, dass Chinesen - wenn überhaupt - ausschließlich an Opium und nicht an Geschäften mit Kokain interessiert sind, gelten sie in den 1920er Jahren dennoch "als wichtige Strippenzieher im Drogenhandel", so der Historiker und Migrationsforscher Lars Amenda. Beweise dafür gebe es aber nicht. Ebenso wenig wie für das Gerücht, in St. Pauli existiere ein geheimes Tunnelsystem. Demnach hätten Chinesen es gegraben, um ihr Opium besser schmuggeln zu können. Es handelt sich jedoch um ein Hirngespinst, wie die Ermittlungsbehörden schon damals herausfinden.

Stand: 04.08.11

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