8. Februar 1971 - Haarnetz-Erlass für die Bundeswehr

Soldat zieht sich am 9.2.1971 in Bonn eines der neuen Bundeswehr-Haarnetze an.

Stichtag

8. Februar 1971 - Haarnetz-Erlass für die Bundeswehr

1956 rücken die ersten Wehrpflichtigen der Bundeswehr ein. Während sich im Inneren der Armee einiges verändert hat, bleibt auf den Köpfen alles beim Alten: Das Haupthaar unterm Stahlhelm hat kurz geschoren zu sein, der Nacken ausrasiert. Zehn Jahren herrscht Ruhe an der Frisurfront, dann schlägt der Zeitgeist der Hippie-Ära auch ins Kurzhaar-Bollwerk der Armee immer größere Breschen. Obwohl Kompaniechefs allerorten disziplinarisch gegen wallendes Haar und wuchernde Bärte vorgehen, ist Ende der 60er Jahre die Unterwanderung der Bundeswehr durch Langmähnen nicht mehr zu stoppen.

Schmidts Sicherheitsnetz

Feuerschutz erhalten die modebewussten Haarschnittverweigerer in Uniform ausgerechnet vom Truppendienstgericht in Koblenz: "Bärte und Mähnen beeinträchtigen die Funktion des Soldaten nicht", urteilen die Militärrichter. Auch der Verteidigungsminister und zackige Hauptmann der Reserve, Helmut Schmidt, zeigt sich moderat und erkennt: "Die modischen Äußerlichkeiten und Attitüden haben auf ihrem schnellen Marsch durch alle Gesellschaftsgruppen vor dem Kasernentor nicht haltgemacht." Um wenigstens die Sicherheit an der Waffe zu gewährleisten, verordnet der stets scharf gescheitelte Schmidt seinen langhaarigen Soldaten allerdings am 8. Februar 1971 ein ganz und gar unmilitärisches Requisit. Offizielle Dienstbezeichnung: Haarnetz, dunkelgrau, Nylon, für Mannschaften.

Humorloser Wehrbeauftragter

Während der langbehaarte Teil der Truppe bald über die weitmaschige und Juckreiz auslösende "Tarnkappe" flucht, darf sich der Minister einen Orden an die Brust heften. Der Aachener Karnevalsverein ernennt Schmidt für seine originelle Problemlösung zum 23. Ritter des Ordens "Wider den tierischen Ernst". Auch die ausländische Presse amüsiert sich prächtig und tauft die Bundeswehr in "German Hair Force" um. Nur für den Wehrbeauftragten Fritz Rudolf Schulz ist nun Schluss mit lustig. Ganz im Sinne der meisten Kommandeure lässt er seinen Minister wissen: "Ich kann dieser Sache nicht mit dem anempfohlenen Humor begegnen, weil für viele Vorgesetzte mit dem Haar-Erlass quasi eine Welt zusammengebrochen ist."

15 Monate nach seinem radikalen Netz-Erlass muss Schmidt dann doch vor immer üppiger wuchernden Afro-Krausen, Zottelbärten und Wallemähnen kapitulieren. Auf Druck seiner Generäle, die einen totalen Kollaps der Truppendisziplin befürchten, macht der Verteidigungsminister kehrt und befiehlt als neues Längenmaß: nicht über den Kragen, nicht über die Augen, nicht über die Ohren. Seither wird in der Bundeswehr wieder akkurat geschnitten und rasiert, zumindest bei den Männern. Weibliche Soldaten genießen auch weiterhin Frisur-Freiheit – solange der Helm noch passt.

Stand: 08.02.2011

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