25. November 2010 - Vor 85 Jahren: Der Fes wird in der Türkei verboten

Stichpunkt

25. November 2010 - Vor 85 Jahren: Der Fes wird in der Türkei verboten

Mustafa Kemal Atatürk reist im August 1924 durch die anatolische Provinz in der Türkei. Dort tragen die Männer weite Pluderhosen und eine Kappe aus rotem Filz auf dem Kopf: den Fes. Präsident Atatürk, glatt rasiert, in weißem Sommeranzug mit Panamahut, spricht zu den Männern in den Vereinsheimen: "Die Türken müssen zeigen und beweisen, dass sie zivilisiert sind, auch in ihrer äußeren Erscheinung. Nur eine zivilisierte, internationale Kleidung ist würdig und passend für unsere Nation: Stiefel oder Schuhe, Hosen, Krawatte, Jacke und Weste - und eine Kopfbedeckung mit einem Rand. Die nennt sich Hut." Atatürk bewundert die europäische Kultur und hat eine Vision für das vom Krieg ausgeblutete, verwüstete Land: eine moderne Türkei.

Atatürk: Fes steht für Ignoranz und Rückständigkeit

Im Oktober 1923 hatte Atatürk die Republik ausgerufen. Er schaffte das islamische Kalifat und die religiösen Scharia-Gerichte ab und gab dem Land eine Verfassung. Mit der kemalistischen Kulturrevolution beginnt er, sein Volk neu einzukleiden. Am 25. November 1925 verabschiedet das Parlament das "Gesetz über das Tragen von Hüten". Darin heißt es im ersten Paragraphen: "Die Mitglieder der Großen Türkischen Nationalversammlung und die Beamten und Angestellten sämtlicher Institutionen sind verpflichtet, den Hut zu tragen ... Die allgemeine Kopfbedeckung des türkischen Volkes ist der Hut."
Der Fes sei ein importiertes Kleidungsstück: Er stammt ursprünglich aus Marokko und wird den osmanischen Verwaltungsbeamten erst 1828 zur Pflicht gemacht. Atatürk wird als junger Offizier selbst auf dem Balkan für seinen Fes belächelt. "Es war notwendig, den Fes abzuschaffen, der auf den Köpfen unserer Nation als ein Zeichen von Ignoranz, Nachlässigkeit, Fanatismus und Hass auf Fortschritt und Zivilisation saß", erinnert er sich.

Hut-Verbrechen werden streng bestraft

Das Hutgesetz wird mit aller Staatsgewalt durchgesetzt. Drei Monate Haft drohen dem, der den Fes aufbehält; 15 Jahre dem, der öffentlich Stimmung gegen die europäische Mode macht. Ein Hut-Verbrechen gilt als Rebellion gegen die junge, moderne Republik Atatürks. Etliche Türken landen im Gefängnis, sogar einige Todesurteile werden gefällt. Einer der größten Hut-Gegner, der muslimische Gelehrte Atif Hodscha, schreitet im Fes aufs Schafott. "Ich diktiere meinem Volk die Demokratie", sagt Atatürk einmal. Er verordnet den Türken noch mehr: Nachnamen, metrische Maße und Gewichte, ein ziviles Gesetzbuch und Frauenrechte. Die Polygamie schafft er ab, ebenso die arabische Schrift zugunsten des lateinischen Alphabets. Die Mehrheit der Türken fügt sich. Lieber als den Hut der Ungläubigen tragen sie Schirm- oder Schiebermützen, eine Mode, die bis in die 1970er Jahre anhält. Heute wird der Fes nur noch auf Folklore-Festen getragen. Das Hutgesetz ist nach wie vor gültig: Es gehört zu den kemalistischen Vorschriften, die gemäß Verfassung für die Ewigkeit gelten.

Stand: 25.11.10