12. Dezember 2010 - Vor 85 Jahren: Das erste Motel wird in den USA eröffnet

Stichtag

12. Dezember 2010 - Vor 85 Jahren: Das erste Motel wird in den USA eröffnet

"Alles begann mit Henry Ford und der Massenproduktion erschwinglicher Autos", sagt Motel-Experte und Autor John Margolies. "Jeder konnte jetzt Amerika auf eigene Faust entdecken." In den 1920er Jahren bringen Ford, General Motors und andere Autokonzerne das Land ins Rollen. "Automobombing" nennt Schriftsteller Sinclair Lewis die Begeisterung, die von den Autokonzernen ausgelöst wird. Es entsteht eine neue Reiseform: Auto-Camping. Mit Zelt und Gaskocher wird gleich neben der Motorhaube genächtigt. Immer mehr Farmer vermieten ihre Schuppen an motorisierte Reisende. Das bringt Architekt Arthur S. Heinemann auf eine Idee: Er eröffnet 1925 an der kalifornischen "Route 101" ein Hotel, bei dem jeder sein Auto vor dem Zimmer abstellen kann. "Milestone Motor Hotel" soll es heißen. Doch das passt nicht auf das Schild. Heinemann muss sich kurz fassen: Aus "Motor Hotel" wird Motel. Ein Raum - mit Bett, Tisch, Stuhl und Parkplatz - kostet 1,25 Dollar pro Nacht.

Geliebt und gehasst

"Eigentlich sollte das erste Motel zu einer Kette gehören", sagt Margolies. "Sie wollten alle 150 Meilen eins bauen - von der kanadischen bis runter zur mexikanischen Grenze." Dazu kommt es allerdings nicht. Trotzdem löst Heinemann einen Boom aus: 1940 gibt es bereits 20.000 Motels in den USA. Die Straße wird zum Inbegriff der Freiheit verklärt: Romanfiguren finden unterwegs zu sich selbst - von den Desperados Jack Kerouacs bis zu den Pilgern John Steinbecks. Für Lolita-Autor Vladimir Nabokov sind Motels "ideale Stätten für Schlaf, Streit, Versöhnung, unersättliche, unerlaubte Liebe". Für FBI-Chef J. Edgar Hoover hingegen sind Motels "Stätten der Kriminalität", wie er 1940 in einem Artikel schreibt: "eine neue Heimat für Krankheiten, Betrug, Korruption, der Unehrlichkeit, Vergewaltigung, weißer Sklaverei, des Diebstahls und des Mordes".

Tatorte in Film und Wirklichkeit

Hollywoods Filmautoren machen Motels zu Schauplätzen für Charaktere, die sich am Rand der Gesellschaft bewegen: "Bonnie und Clyde", "Easy Rider", "Thelma und Louise", "Wenn der Postmann zwei Mal klingelt". Das wohl einprägsamste Filmdenkmal für die Herberge am Straßenrand ist "Bate's Motel" in Alfred Hitchcocks "Psycho". Auch jenseits von Hollywood werden Motels zu Orten tragischer Ereignisse. In Memphis im US-Bundesstaat Tennessee wird Bürgerrechtler Martin Luther King am 4. April 1968 auf dem Balkon seines Zimmers im "Lorraine Motel" erschossen. Auch Rhythm-and-Blues-Star Sam Cooke stirbt im Motel: Er stürzt auf der Suche nach einer Party-Bekanntschaft in die Rezeption. Die Managerin gerät in Panik und schießt.
Seit US-Präsident Dwight D. Eisenhower in den 1950er Jahren per Gesetz verordnet hat, Autobahnen zu bauen, verlieren die Motels immer mehr ihre Bedeutung. Denn viele Autofahrer ziehen nun Highways den Landstraßen vor. "Die Grundstücke liegen an Straßen, die kaum noch bereist werden", sagt Margolies. Viele der rentablen Motels werden von großen Ketten wie "Holliday Inn", "Motel 6" und "Red Roof" geschluckt. Sie sind sauber, komfortabel und haben eine Bibel im Nachttisch.

Stand: 12.12.10