30. November 2004 - Vor 15 Jahren: Attentat auf Alfred Herrhausen

Stichtag

30. November 2004 - Vor 15 Jahren: Attentat auf Alfred Herrhausen

Es ist kurz nach 8.30 Uhr am 30. November 1989. Alfred Herrhausen, seit gut einem Jahr alleiniger Vorstandssprecher der Deutschen Bank, ist auf dem Weg zur Arbeit. Sein Fahrer Jakob Nix chauffiert ihn vom Bad Homburger Nobelviertel Wingertsberg, wo Herrhausen wohnt, Richtung Frankfurt. Dem gepanzerten Dienst-Mercedes von Herrhausen folgen zwei weitere Wagen, in dem Sicherheitsbeamte sitzen. Für den Bankchef gilt die höchste Sicherheitsstufe.

Kaum einen Kilometer von seinem Haus entfernt stirbt Alfred Herrhausen. Eine Bombe, mit Hilfe einer Lichtschranke gezündet, zerfetzt seinen Wagen. Fahrer Nix überlebt, schwer verletzt, Alfred Herrhausen ist auf der Stelle tot. Zu dem Attentat bekennt sich ein "Kommando Wolfgang Beer" der RAF. Auf das Konto der Linksterroristen gehen bereits die Morde hochrangiger Politiker, Staatsdiener und Wirtschaftsmanager, unter ihnen Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto, Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer und Siemens-Manager Karl-Heinz Beckurts.
Mächtigster Wirtschaftsführer Europas
"Durch die Geschichte der Bank zieht sich die Blutspur zweier Weltkriege und millionenfacher Ausbeutung, und in dieser Kontinuität regierte Herrhausen an der Spitze dieses Machtzentrums der deutschen Wirtschaft; er war der mächtigste Wirtschaftsführer in Europa." So begründet die RAF in einem Selbstbezichtigungsschreiben ihre "Hinrichtung" Herrhausens. Unmittelbar nach dem Mauerfall bringt die Bombe von Bad Homburg die Hoffnung vieler ins Wanken, dass Deutschland eine friedliche Zukunft bevorsteht. Das bis heute nicht aufgeklärte Verbrechen beendet das Leben eines außergewöhnlichen Bankiers.
Herrhausen macht eine steile Karriere. Mit 22 Jahren ist er promovierter Betriebswirt, mit 30 Direktor des Energieversorgers VEW, mit 37 dessen Finanzvorstand, kurz vor seinem 40. Geburtstag schon Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. Zuletzt ist er der Primus im Deutsche-Bank-Vorstand, Aufsichtsratschef von Daimler-Benz, Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl. Herrhausen sucht und genießt die Macht, versteht sie aber auch als Verantwortung: Er engagiert sich für seine Heimat, das kriselnde Ruhrgebiet, pflegt Wirtschaftskontakte in die Sowjetunion, regt einen Schuldenerlass für Entwicklungsländer an. Doch der unkonventionelle Vor- und Schnelldenker macht sich nicht nur Freunde: Seine Expansionspläne für das eigene Institut gehen manchem zu weit. "Die Deutsche Bank war sein Reich. Er wollte ein Weltreich aus ihr machen", schreibt die "Zeit" in einem Nachruf.


Stand: 30.11.04