Stichpunkt

11. Mai 2010 - Vor 10 Jahren: Indien hat mehr als eine Milliarde Einwohner

Vor der Universitätsklinik in Neu-Delhi steht eine riesige blaue Digitaluhr, die "population watch". Sie zeigt die Anzahl der indischen Einwohner an und springt am 11. Mai 2000 auf eine Milliarde. Seitdem sind weitere 166 Millionen Inder dazu gekommen, doppelt so viele Menschen, wie in Deutschland leben.

Staat verordnet Zwangssterilisationen

Bereits seit den 60er Jahren versucht der indische Staat, das Bevölkerungswachstum zu verlangsamen. Mitte der 60er Jahre beschäftigt er allein 125.000 Vollzeitmitarbeiter, die sich mit Familienplanung befassen und für Sterilisationen werben. Doch die Familienzentren und Sterilisationsstationen werden wenig frequentiert. Die US-amerikanische Entwicklungshilfe finanziert – ebenfalls in den 60er Jahren – eine Kondomfabrik. Das Ergebnis ist kläglich: Kondome werden in Indien bis heute gratis verteilt, aber nur wenige Männer benutzen sie. Mitte der 70er Jahre erreichen die Kampagnen eine neue Dimension. Unter der Regierung von Premierministerin Indira Gandhi finden Zwangssterilisationen statt. Polizeikommandos überfallen in Nordindien Dörfer, fangen Männer von der Straße weg und zwingen sie zur Operation. Teilweise wird indischen Bürgern sogar die medizinische Grundversorgung verweigert, wenn sie kein Zertifikat über eine Sterilisation vorweisen können. In den 70er Jahren verlieren so Millionen Inder ihre Fruchtbarkeit.

Armut ist Ursache für hohe Geburtenrate

Doch die Strategie der Regierenden geht nicht auf, sie verkennen die Hintergründe der hohen Geburtenrate. Hungersnot und Armut bestimmen den Alltag vieler Inder, Kinder sind oft die einzige Absicherung für das Alter. Ein typisches Phänomen: In den ärmsten Ländern der Erde werden auch heute noch die meisten Kinder geboren. Zur Zeit sind die Länder mit den höchsten Geburtenraten der Tschad, Somalia und der Jemen – alles Länder mit zerfallenden gesellschaftlichen Strukturen.

Indiens Bevölkerung wächst langsamer

In Indien sind mit dem wirtschaftlichen Aufschwung die Chancen auf Bildung und Absicherung gestiegen. Indische Eltern erkennen, dass ihre Kinder dank besserer Medizinversorgung überleben und investieren lieber in die Ausbildung weniger Nachkommen. Die Kinderzahl pro Frau hat sich fast halbiert, auf derzeit 2,8 Kinder pro Frau. Die Bevölkerungsuhr in Neu-Delhi tickt langsamer. Indien wird dennoch in einigen Jahren das bevölkerungsreichste Land der Welt sein und China überholen: Auch die Inder werden immer älter. Nach heutigen Prognosen bleibt die Uhr irgendwann stehen, vermutlich bei etwa 1,7 Milliarden Indern.

Stand: 11.05.10