26. März 2010 - Vor 160 Jahren: Edward Bellamy wird geboren

Stichtag

26. März 2010 - Vor 160 Jahren: Edward Bellamy wird geboren

Boston im Jahr 1887: Julian West, ein wohlhabender junger Mann, leidet an Schlaflosigkeit. Er lässt sich im schalldichten Keller seines Hauses per Hypnose in einen Tiefschlaf versetzen. In der Nacht brennt das Haus ab. Alle halten ihn für tot. Erst nach 113 Jahren wird der Keller bei Bauarbeiten wiederentdeckt: Am 10. September 2000 erwacht West völlig unversehrt und nicht gealtert. Das ist der Ausgangspunkt einer fantastischen Geschichte des amerikanischen Schriftstellers Edward Bellamy: "Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf 1887" wird zur erfolgreichsten Utopie des 19. Jahrhunderts. Der Roman entwirft eine paradiesische Zukunftsgesellschaft. Bellamy geht es weniger um neue technische Errungenschaften - auch wenn er etwa Kreditkarte, Radio und umweltfreundliche Energien vorhersagt. Er beschreibt eine Sozialutopie und malt aus, wie die Menschen den schrankenlosen Kapitalismus seiner Zeit friedlich überwinden. Umsichtige wirtschaftliche Planung ersetzt Ausbeutung und Konkurrenzkampf. Gearbeitet wird nur vom 21. bis 45. Lebensjahr. Es gibt Wohlstand für alle, Gleichberechtigung. Krieg, Klassen und Arbeitslosigkeit sind vergessen.

So sozialistisch das klingt: Bellamy ist kein Sozialist. Der Sohn eines Baptistenpredigers, geboren am 26. März 1850 in Chicopee Falls im US-Bundesstaat Massachusetts, ist eher christlich motiviert. Auf einer Europareise lernt er 1868 in Dresden erstmals das Elend der Fabrikarbeiter kennen. Zurück in den USA beschäftigt ihn die sogenannte Arbeiterfrage weiter: als Anwalt, Journalist, Verleger und schließlich als Autor des "Rückblick"-Romans. In amerikanischen Bürgerkreisen bilden sich 165 Bellamy-Clubs, die seine Vision zur Realität machen wollen. Er selbst gründet die "Nationalist Party", die bei Wahlen zeitweise eine Million Stimmen erhält. Auch in Deutschland stößt sein Buch bei Erscheinen 1890 schnell auf Begeisterung - hier allerdings nicht beim Bürgertum, sondern in der Arbeiterbewegung. Denn es gelten noch Otto von Bismarcks Sozialistengesetze, die linke politische Schriften verbieten. Kommunistenführerin Clara Zetkin ist jedoch kritisch: "Bellamys Transformationsstrategie setzt auf Wohlmeinende aller Schichten und verkennt die Rolle des revolutionären Proletariats." Der sozialdemokratische Cheftheoretiker Karl Kautsky findet Bellamy "oberflächlich, weil er den modernen, wissenschaftlichen Sozialismus nicht kennt".

Auch die damaligen Verfechter des Status Quo nehmen Bellamys Zukunftsentwurf nicht ernst. Ihr Einwand: Eine bessere Gesellschaft sei völlig unrealistisch, weil sie doch einen neuen Menschen voraussetze. So zweifelt auch Julian West im Buch: "Dann muss sich aber doch die menschliche Natur in den 100 Jahren gewaltig verändert haben!" Ihm antwortet die Romanfigur Dr. Leete: "Ganz und gar nicht. Aber die menschlichen Lebensbedingungen haben sich geändert und mit ihnen die Motive des menschlichen Handelns." Bellamys Kerngedanke: Für eine bessere Gesellschaftsordnung braucht es keinen neuen Menschen, sondern bessere Zielvorgaben als Gewinn und Konkurrenz. Der Schriftsteller stirbt am 22. Mai 1898 im Alter von 48 Jahren.

Stand: 26.03.10