14. November 2010 - Vor 85 Jahren: Carola Stern wird geboren

Stichtag

14. November 2010 - Vor 85 Jahren: Carola Stern wird geboren

Eigentlich heißt sie Erika Assmus. Aber als interne Kennerin der SED und des DDR-Staatsapparates, die in den Westen geflüchtet ist, traut sie sich nicht, unter ihrem eigenen Namen zu publizieren. Ein Entführungsversuch der Stasi ist bereits gescheitert. Deshalb erscheinen ihre ersten Aufsätze und Bücher über die SED und den DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht unter dem Decknamen "Carola Stern". Unter diesem Namen arbeitet sie auch von 1970 bis 1985 als Kommentatorin beim WDR. "Bei Carola Stern lernte ich, wie ein guter Kommentar zu sein hat: überzeugend begründet, mit klarer persönlicher Meinung", sagt WDR-Redakteur Gerald Baars. Schwammige Einerseits-Andererseits-Formulierungen seien für sie nicht in Frage gekommen. Stern wird nicht nur Leiterin der Kommentar-Redaktion, sondern auch die erste Frau, die im deutschen Fernsehen kommentiert - prägnant und häufig polarisierend. Da seien Schmähbriefe nicht ausgeblieben, wie sich Stern erinnert: "Am meisten stolz war ich auf einen Brief, da stand drin, im Vergleich zu diesem Weib war Rosa Luxemburg eine Dame."

"Bescheuerte NS-Gläubigkeit"

Geboren wird Carola Stern in am 14. November 1925 in Ahlbeck auf der Insel Usedom. Ihr Vater, ein Verwaltungsbeamter, stirbt vor ihrer Geburt. Ihre Mutter, eine überzeugte Nationalsozialistin, führt eine Pension. Die Tochter wird Jungmädelführerin beim "Bund deutscher Mädel". In ihrem Buch "In den Netzen der Erinnerung" macht Stern 1986 ihre "bescheuerte Gläubigkeit" an das NS-Regime öffentlich. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs macht sie in der sowjetisch besetzen Zone eine Ausbildung als Lehrerin. 1947 lässt sie sich, wie sie 2001 in ihrer Autobiographie "Doppelleben" beschreibt, als amerikanische Agentin anwerben - um ihrer krebskranken Mutter die bestmögliche medizinische Versorgung zu verschaffen. Stern wird auftragsgemäß SED-Mitglied und schließlich Dozentin an der Parteihochschule der SED. Als sie aufzufliegen droht, setzt sie sich 1951 nach West-Berlin ab und studiert dort Politikwissenschaft. Ihre journalistischen Artikel unterzeichnet sie zunächst mit drei Sternen, daraus entsteht ihr Pseudonym.
Als DDR-Expertin wird Stern nicht zur Kalten Kriegerin, sondern tritt für Menschenrechte und Gewaltfreiheit ein. 1961 gehört sie zu den Mitbegründern der deutschen Sektion von Amnesty International. Später unterstützt sie die neue, auf Versöhnung angelegte Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD). 1970 heiratet Stern den WDR-Journalisten Heinz Zöger, der in der DDR als Mitglied der oppositionellen Harich-Gruppe inhaftiert worden und später in die BRD geflohen war.

Unverstandenes Engagement

Zusammen mit Heinrich Böll und Günter Grass gründet Stern 1976 die Literatur-Zeitschrift "L 76", die 1980 in "L 80" umbenannt wird. Damit soll Linken unterschiedlicher Couleur ein Forum geboten werden. Später setzt sich Stern für die Entschädigung von Zwangsarbeitern ein. In Ahlbeck, wohin sie im Alter zurückkehrt, wird ihr Engagement von vielen nicht verstanden: "Ich glaube, das liegt daran, weil sie sich sagen: Erst 'Heil Hitler' geschrien, dann amerikanische Agentin gewesen, in den Westen getürmt - und jetzt kommt sie als alte Frau zurück und will uns schon wieder belehren, wir sollen mit den Polen Freundschaft halten", so Stern. Der Gemeinderat von Ahlbeck lehnt es ab, ihren Nachlass zu übernehmen. Ein Großteil von Sterns Bibliothek geht daraufhin an ein Antiquariat.
Nach dem Tod ihres Mannes im März 2000 stürzt sich Stern in die Arbeit. Unter anderem entsteht eine Doppel-Biografie über das Schauspielerpaar Gustav Gründgens und Maria Hoppe, die zum Bestseller wird. Als Gerald Baars, damals Leiter des ARD-Studios New York, Stern zum 80. Geburtstag schreibt, anwortet sie ihm im Januar 2006: "Es ist so jämmerlich, altersgebrechlich und einsam zu sein." Wenige Tage später, am 19. Januar 2006, stirbt Carola Stern in Berlin - ohne erreicht zu haben, was sie selbst als Kunst des Alterns beschrieben hat: "Für mich besteht sie darin, mich in einer Fähigkeit zu üben, die ich immer noch nicht besitze, nämlich eine der höchsten und schwierigsten Eigenschaften der Menschen: müßig gehen zu können."

Stand: 14.11.10