15. September 2004 - Vor 65 Jahren: Der erste Kriegsdienstverweigerer des Zweiten Weltkrieges wird erschossen

Stichtag

15. September 2004 - Vor 65 Jahren: Der erste Kriegsdienstverweigerer des Zweiten Weltkrieges wird erschossen

15. September 1939, KZ Sachsenhausen: August Dickmann aus Dinslaken am Niederrhein geht seinen letzen Weg. Der Zeuge Jehovas wird an seinen Glaubensbrüdern vorbei geführt. In der Reihe steht sein Bruder Heinrich. Dieser muss zusehen, wie sieben SS-Männer auf August anlegen und ihn als ersten Kriegsdienstverweigerer des Zweiten Weltkrieges erschießen. Zwei Wochen zuvor hat Hitlers Wehrmacht Polen überfallen. "Als August da liegt, kommt der Kommandant", erinnert sich Heinrich Dickmann, "so, sagt er, wer unterschreibt, kann sofort nach Hause gehen, und wer nicht unterschreibt, wird gleich dabei liegen." Da seien zwei Brüder vorgetreten: "Wir haben unterschrieben, wir wollen unsere Unterschrift zurücknehmen." Die Ablehnung des Kriegsdienstes begründen die Zeugen Jehovas mit dem Bibelwort "Du sollst nicht töten". Etwa 250 von ihnen werden deshalb von den Nazis hingerichtet.

In den 30er Jahren gibt es in Deutschland rund 25.000 Zeugen Jehovas. Insgesamt werden etwa 1.200 von ihnen in der Nazizeit ermordet. Darunter sind auch viele Frauen. Im KZ Ravensbrück weigern sie sich, Wehrmachts-Uniformen zu nähen, erinnert sich August Dickmanns Schwägerin Änne: "Das war im Dezember. Dann haben wir in leichter, dünner Sommerkleidung draußen gestanden, immer so im Abstand, dass keiner den anderen wärmen konnte. Von morgens bis abends auf einer Stelle." Die "Bibelforscher", wie sich die Zeugen Jehovas ursprünglich nannten, müssen in den Konzentrationslagern den lila Winkel tragen. Von den Mitgefangenen werden sie wegen ihrer fundamentalistischen Bibelauslegung als "Bibelwürmer" bezeichnet. Die Zeugen Jehovas folgen keiner irdischen Macht. Sie glauben, dass ihre Gebete erhört werden. Als der Kommandant von Sachsenhausen stirbt, sind sie überzeugt, dass sie ihn zu Tode gebetet hätten.

Ab 1943 ändert der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, die Behandlung der Bibelforscher: "Könnte man ihren Fanatismus für Deutschland einspannen, so wären wir noch stärker als wir es heute sind." Die Zeugen Jehovas kümmern sich nun treu um Kinder und Haushalt von SS-Gruppenführern oder bauen Landsitze, zum Beispiel für den Panzergeneral Heinz Guderian. Die Bibelforscher fliehen nicht. Für sie ist die KZ-Haft eine göttliche Prüfung. Sabotage und Aufstände lehnen sie ab. Nach Kriegsende kehrt Heinrich Dickmann ins zerstörte Dinslaken zurück: "Ich hab Euch damals gewarnt, Ihr werdet noch soviel heulen, wir Ihr heute Heil schreit."

Stand: 15.09.04