27. Mai 2009 - Vor 445 Jahren: Reformator Jean Calvin stirbt in Genf

Stichtag

27. Mai 2009 - Vor 445 Jahren: Reformator Jean Calvin stirbt in Genf

Rastloses Streben und ständige Pflichterfüllung: Für den französisch-schweizerischen Reformator Jean Calvin sieht so ein gottesfürchtiges Leben aus. Einen Kult um seine Person lehnt er ab. Calvin lässt sich nach seinem Tod am 27. Mai 1564 in Genf in einem Massengrab beerdigen. Seine Kirche hat er reformatorisch, nicht calvinistisch genannt. Dennoch setzt sich die Bezeichnung Calvinismus durch - für eine der radikalsten Richtungen des Christentums. Pointiert ausgedrückt: Für den deutschen Reformator Martin Luther ist alles erlaubt, was von der Heiligen Schrift nicht verboten ist. Für Calvin hingegen ist alles verboten, was die Schrift nicht ausdrücklich erlaubt. Calvins Reformprogramm ist so rigoros, dass er einmal sogar aus Genf vertrieben wird. Doch nach dreieinhalb Jahren holt ihn der Stadtrat 1541 zurück. Calvin achtet weiter streng auf die Einhaltung der "Zucht". Jedes Vergehen wird bestraft: Wer tanzt, wird ins Gefängnis geworfen. Als der spanische Arzt und Theologe Miguel Servet nach Genf kommt, lässt ihn Calvin festnehmen, da dieser die göttliche Dreifaltigkeit leugnet. Servet wird 1553 öffentlich verbrannt.

Jean Calvin wird am 10. Juli 1509 im französischen Noyon als Sohn eines bischöflichen Beamten geboren. Sein Vater fordert ihn auf, statt Theologie Rechtswissenschaften zu studieren, weil dieser mit seinem Arbeitgeber Streit hat und unter den "kleinen Kirchenbann" gestellt wird. Calvin erlebt, dass seinem Vater deshalb die Totenmesse verweigert wird. Er studiert daraufhin theologische Literatur und ist von den reformatorischen Ideen Martin Luthers fasziniert. Calvin trifft den von ihm verehrten Luther aber nie.

Von Genf aus verbreitet Calvin seine Ideen zur Reformation, die in zentralen Punkten von Luther abweichen. Die sogenannte doppelte Prädestination ist ein solcher Punkt: "Gott hat einen Menschen bereits vor seiner Geburt entweder erwählt oder verworfen", erklärt der Würzburger Theologieprofessor und Calvin-Biograph Claas Huizing. Zunächst habe diese Idee die Funktion einer Entlastung gehabt: "Wir sind nicht in der Pflicht, uns immer zu beweisen." Doch aus der "Entängstigung" sei ein Drohung geworden. "Man lebte unter dem Vorbehalt, dass man nicht wusste, ist man erwählt oder nicht",  so Huizing. Ob man erwählt ist, lässt sich an der Lebensführung ablesen: an Fleiß, Mildtätigkeit und Bescheidenheit. Zuerst in Genf, später in England und schließlich in den USA  hat diese Lebens- und Denkweise zu ungeahntem Wirtschaftswachstum geführt - so die These des Soziologen Max Weber. Die Kombination von Fleiß und Askese, die protestantische Ethik, sei eine Voraussetzung für den Erfolg von Industrialisierung und Kapitalismus gewesen.Calvin selbst ist ein Workaholic und ein strikter Verfechter seiner Ideen, aber auch jemand, der Hierarchien ablehnt. Er hat eine basisdemokratische, keineswegs monarchistische Vorstellung von Kirchengemeinden. Pastoren dürfen kritisiert werden. Calvin  fordert außerdem Transparenz: "Alle sollen wissen und verstehen, was im Gotteshaus gesagt und getan wird, um daraus Frucht und Erbauung zu gewinnen."

Stand: 27.05.09