07. September 2004 - Vor 85 Jahren: Erste Waldorfschule eröffnet

Stichtag

07. September 2004 - Vor 85 Jahren: Erste Waldorfschule eröffnet

"Geraten Sie nach dem Abitur in eine unangenehme Situation, so setzen Sie nur schnellstmöglich die lieblich-lila Waldorfbrille auf. Auf diese Weise können Sie jederzeit in die heile Waldorfwelt zurückkehren", heißt es selbstironisch in der Abi-Zeitung der Stuttgarter Waldorfschule Uhlandshöhe. Die frisch gebackenen Abiturienten schreiben, was viele Außenstehende über die Waldorfpädagogik denken: Das sind Kinder und Erwachsene in lila Wollkleidern, schwebenden Ganges, ewig lächelnd und weltfremd. Eben: Blockflöte statt Computer, Blumen pflanzen statt rechnen, rhythmisch sprechen statt selbstständig denken. Welch ein Irrtum meint Dietrich Esterl, der die Uhlandshöhe seit 60 Jahren kennt – erst als Schüler, dann als Lehrer: "Es geht letztlich um den Leistungsbegriff: Wir versuchen, nicht irgendwelche willkürlich festgelegten Inhalte zu erreichen, sondern die Schüler sollen möglichst vielfältige Fähigkeiten entwickeln." Das geschehe "ohne Auslese" – bis zum Abitur. In Waldorfschulen ersetzen schriftliche Beurteilungen die Noten, die Schüler bleiben nicht sitzen. Zum Block-Unterricht gehören: Musik, Theater, Tanz, bildnerisches und handwerkliches Gestalten, Fremdsprachen ab dem ersten Schuljahr sowie ein soziales und ein landwirtschaftliches Praktikum. Zwischen den Kindern sollen keine Unterschiede nach Herkunft oder Begabung gemacht werden. Die angestellten Lehrer haben zusätzlich zur üblichen Ausbildung einen zweijährigen Waldorf-Lehrgang absolviert. Die Privatschulen sind eine Art Kollektiv, das sich selbst verwaltet. Alle Lehrer bestimmen zusammen mit dem Elternrat das Gehalt, ob ein Gebäude gebaut oder eine Kollegin eingestellt wird. Die Eltern der Schüler zahlen Schulgeld, gestaffelt nach ihrem Einkommen.Die Uhlandshöhe in Stuttgart ist die erste Waldorfschule überhaupt. Sie wird am 7. September 1919 eröffnet. Stifter ist Emil Molt, der Direktor der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, der den Kindern seiner Arbeiter eine zwölfjährige Bildung ermöglichen will. Leiter dieser Fabrikschule ist Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie. Was er als (reform-)pädagogisches Konzept entwickelt, gilt bis heute für alle der weltweit 800 Waldorfschulen – von Tokio bis zum Gaza-Streifen.

Rassismus im Geschichtsunterricht?

Steiner, der an Reinkarnation und Karma glaubte, ist seit dem Esoterik-Boom Ende der 80er Jahre umstritten. Kritiker werfen ihm Rassismus vor. Denn eine Grundlage seines okkulten Weltbildes sei die "Wurzelrassenlehre", die er in seiner Schrift "Aus der Akasha-Chronik" zwischen 1904 und 1908 aufzeichnete: Jede dieser "Wurzelrassen" gliedere sich in sieben "Unterrassen", die eine Kette in der menschlichen Entwicklung bilden und evolutionär aufeinanderfolgen würden. Diese angeblichen "Rassen" sind für Steiner nicht gleichwertig: "So leben immer Bevölkerungen auf der Erde nebeneinander, die verschiedene Stufen der Entwicklung zeigen." Erst die "Arier", hätten "die vollständige Ausprägung der denkenden Kraft mit allem, was dazu gehört." 1923 sagt Steiner in einem Vortrag: "Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse."Im Juli 2000 berichtet das ARD-Magazin "Report" aus Mainz über Rassismus im Buch "Atlantis und das Rätsel der Eiszeitkunst" des Steiner-Schülers Ernst Uehli. Darin wird behauptet: "Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt worden." Und: "Der heutige Neger ist kindlich, ist ein nachahmendes Wesen geblieben." Der Skandal: Das 1936 verfasste Buch ist auf einer Literaturliste von 1998 entdeckt worden, die Waldorf-Lehrern zur Vorbereitung auf den Geschichtsunterricht zur Verfügung steht. Herausgeber der Liste ist die "Pädagogische Forschungsstelle" des Waldorfschulbundes. In der Folge verbietet der "Bund der Freien Waldorfschulen" den Lehrern die Weiterverwendung des Buches - nachdem das Bundesfamilienministerium einen Antrag auf Indizierung gestellt hat. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien spricht von "eindeutig rassistischen Aussagen", setzt "Atlantis" aber nicht auf den Index, weil der Verlag das Buch aus dem Verkehr zieht.

Stand: 07.09.04