13. Juni 2008 - Vor 20 Jahren: Daimler-Benz entschädigt Zwangsarbeiter

Stichtag

13. Juni 2008 - Vor 20 Jahren: Daimler-Benz entschädigt Zwangsarbeiter

Deutsche Großunternehmen profitieren erheblich von der Herrschaft der Nationalsozialisten: Dornier, Salzgitter, Thyssen, Mannesmann sind nur ein paar Beispiele. Hitlers Verkehrs- und Aufrüstungspolitik lohnt sich beispielsweise für die Automobilkonzerne Opel, BMW, Volkswagen und Daimler-Benz. Besonders lukrativ ist der Einsatz von Zwangsarbeitern während des Zweiten Weltkrieges. Von 100.000 Daimler-Beschäftigten sind 1944 die Hälfte Zwangsarbeiter - vor allem Polen, Sowjets, KZ-Häftlinge, Juden und Kriegsgefangene. Im Deutschen Reich werden insgesamt 10 Millionen Menschen aus Ost und West eingesetzt. Sie springen unfreiwillig für die deutschen Männer ein, die an der Front sind. "Ohne Zwangsarbeiter wäre die Wirtschaft mehr oder weniger zusammengebrochen", sagt Historiker Constantin Goschler von der Ruhr-Universität Bochum.

Nach Kriegsende wird das Thema Zwangsarbeiter Jahrzehnte lang ignoriert. Doch Staat und Gesellschaft machen in den Achtzigerjahren Druck. Der Flick-Konzern gibt 1986 seine jahrelange Weigerung auf und kündigt eine Entschädigung der ehemaligen KZ-Zwangsarbeiter an. Das alarmiert auch den Autobauer Daimler-Benz. Neun Tage vor dem 100-jährigen Firmenjubiläum tritt das Unternehmen 1986 die Flucht nach vorne an. Es soll noch im selben Jahr eine ungeschönte Geschichte des Konzerns in der NS-Zeit veröffentlicht werden. Das Ergebnis wird von Historikern stark kritisiert.Karl-Heinz Roth von der Hamburger Stiftung für Sozialforschung beurteilt die Untersuchung als reine Gefälligkeitsstudie: "Sie präsentiert den Konzern so günstig wie es überhaupt nur geht und unterschlägt einen riesigen Teil." Historiker Goschler stellt rückblickend fest: "Entscheidend ist, dass Daimler-Benz in der letzten Kriegsphase schon begonnen hat, sich auf die Nachkriegssituation einzustellen." Wertvolle Produktionskapazitäten hätten von Zwangsarbeitern unter hohen Verlusten in Bunker und Höhlen in Schutz gebracht werden müssen. Das Wirtschaftswunder sei "unter erheblicher Beteiligung der Zwangsarbeit" zustande gekommen. "Hätten die Unternehmen nicht die Zwangsarbeiter gehabt, wären sie nicht in der Lage gewesen, ihre Betriebe zu erhalten, ihren Kapitalstock zu halten oder sogar auszubauen", so Goschler.

Die Konzernleitung in Stuttgart reagiert auf die Kritik mit einer weiteren Ankündigung: Am 13. Juni 1988 erklärt sie, 20 Millionen Mark Entschädigung für Zwangsarbeiter zu zahlen - als "humanitäre Geste". Der Interessengemeinschaft ehemaliger Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime genügt das nicht: "Gemessen an der Summe, die Daimler-Benz durch die Ausbeutung der Zwangsarbeiter an Extraprofiten eingestrichen hat und am heutigen Finanzpolster der Firma, sind 20 Millionen Mark entschieden zu wenig." Als 1998 die rot-grüne Koalition in einer gemeinsamen Regierungserklärung eine Bundesstiftung zur Entschädigung fordert, setzt sich Daimler an die Spitze der Stiftungsinitiative deutscher Unternehmen. Im Sommer 2000 ist es soweit: Fünf Milliarden Mark von der Wirtschaft und fünf Milliarden Mark von der Bundesregierung sind eingesammelt. Im Juni 2007 hat die Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" die Auszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter abgeschlossen.

Stand: 13.06.08