"Seid realistisch - verlangt das Unmögliche"

22. März 2008 - Vor 40 Jahren: Die Studentenrevolte in Paris beginnt

"Seid realistisch - verlangt das Unmögliche"

"Wenn sich Frankreich langweilt..." lautet die Überschrift eines innenpolitischen Lageberichts, den die Zeitung "Le Monde" am 15. März 1968 veröffentlicht. Das Land lebe zwar mit aller Welt in Frieden, habe aber keinen Einfluss auf deren Lauf. Darum langweilten sich die Franzosen - ganz besonders die Jugend. Doch die Ruhe täuscht, unter den Pariser Studenten brodelt es schon länger: In der Philosophischen Fakultät, die von der überfüllten Universität Sorbonne in den Vorort Nanterre ausgelagert wurde, herrscht bereits seit April 1967 Unruhe. Die Wut der Studierenden entzündet sich am spießigen Uni-Reglement: Den Studenten ist der Zutritt zum Studentinnen-Wohnheim untersagt, sobald es dunkel wird. Es kommt immer wieder zu Protesten und Kundgebungen gegen autoritäre Strukturen. "Seid realistisch - verlangt das Unmögliche", lautet eine Parole.

Am 22. März 1968 besetzen in Nanterre einige hundert Studenten den Sitzungssaal der Professoren, nachdem mehrere Aktivisten bei einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg festgenommen wurden. Als Bildungsminister Alain Peyrefitte das Gebäude schließen lässt, marschieren die Verjagten zur Sorbonne. Einen Tag später rücken Polizisten aus, bewaffnet mit Schlagstöcken. Sie nehmen 600 Jugendliche fest - und fachen so die Revolte erst richtig an. Ganz vorne mit dabei ist der Soziologiestudent Daniel Cohn-Bendit, der mit Kommilitonen die linke "Bewegung 22. März" gegründet hat. Der damals 23-Jährige wurde als Sohn eines vor den Nazis geflüchteten Berliner Anwalts in Frankreich geboren. Der "rote Dany" bezeichnet sich zu dieser Zeit als "anarchistischer Marxist": "Der Staat unterstützt die Klassengegensätze, hat die Macht bei Radio und Fernsehen und verfügt über ein willfähriges Parlament. Wir werden uns auf der Straße erklären, wir werden die Politik der direkten Demokratie praktizieren."

Die Lage spitzt sich zu: Sit-ins  gegen den Vietnamkrieg entwickeln sich zu immer brutaleren Straßenschlachten. Am 13. Mai schlagen sich die Arbeiter auf die Seite der Studenten und rufen zum Generalstreik auf. Bald wird das Benzin knapp, in den Straßen stapelt sich der Müll. Staatspräsident Charles de Gaulle weiß sich nur noch mit Neuwahlen zu helfen: "In der derzeitigen Lage werde ich nicht zurücktreten. Hiermit verkünde ich die Auflösung der Nationalversammlung." Schließlich schlägt die Stimmung um. Im Juni gewinnt die Rechte die Wahlen. Dennoch hat der Protest Spuren hinterlassen, glaubt Cohn-Bendit, der heute für die Grünen im Europaparlament sitzt: "Es hat zutiefst die Menschen beeinflusst. Es ist eine andere Gesellschaft entstanden, eine andere Art zu leben, eine andere Art, die Politik wahrzunehmen, geprägt von der Revolte. Es waren ja nicht nur die sechs Wochen, sondern die ganze Zeit danach kam es zum Reformprozess dieser Gesellschaft."

Stand: 22.03.08