11. Dezember 2004 - Vor 25 Jahren: Carlo Schmid stirbt

Stichtag

11. Dezember 2004 - Vor 25 Jahren: Carlo Schmid stirbt

Eine Woche vor seinem Tod sitzt Carlo Schmid noch auf dem Podium des SPD-Parteitages in Berlin: eine beeindruckende Gestalt mit schlohweißer Mähne und intellektueller Ausstrahlung. Am 11. Dezember 1979 stirbt der Politiker, Gelehrte, Übersetzer und Dichter im Alter von 83 Jahren in der Nähe von Bonn. Die damalige Bundeshauptstadt flaggt halbmast und trauert um einen "ganz besonderen Deutschen", wie Willy Brandt in seinem Nachruf auf Schmid schreibt.Carlo Schmid gestaltet wie nur wenige die Anfänge der Bundesrepublik. Im Parlamentarischen Rat arbeitet er entscheidend am Grundgesetz mit. Er sorgt dafür, dass die Todesstrafe verboten wird und keine Regierung gestürzt werden kann, ohne dass eine neue gewählt wird. Vom Beginn 1949 bis 1972 sitzt er im Bundestag, 20 Jahre lang - nur unterbrochen durch eine dreijährige Amtszeit als Bundesratsminister – ist er Vizepräsident des Parlaments. Das ganz große Amt bleibt ihm jedoch verwehrt. 1959 scheitert er bei der Wahl des Bundespräsidenten an Heinrich Lübke, Anfang der 60er-Jahre verzichtet er auf die Kanzlerkandidatur. Der letzte Wille zur Macht scheint dem Vorzeige-Intellektuellen zu fehlen, der Gedichte schreibt und Baudelaire übersetzt.

Carlo Schmid wird 1896 in der südfranzösischen Stadt Perpignan  geboren. Sein deutscher Vater ist Privatgelehrter, seine französische Mutter Lehrerin aus adeligem Hause. 1908 zieht die Familie nach Schwaben. In den Ersten Weltkrieg zieht er freiwillig, auf Seite der Deutschen. Danach studiert er Völkerrecht in Tübingen, bekommt brillante Noten und beginnt eine Wissenschafts-Karriere. Den Nazis gilt Carlo Schmid als unzuverlässig, weshalb er nicht zum Professor berufen wird. Doch kaum ist der Zweite Weltkrieg vorbei, wird Schmid Rechtsprofessor in Tübingen und Präsident des Staatssekretariats für die französisch besetzte Zone. Er tritt in die SPD ein und wird eine ihrer schillerndsten Gestalten: ein glänzender Redner im Parlament, ein gelehrter Jurist, ein Literaturfreund, -kenner und -übersetzer, ein Kunstsammler, ein barock anmutender Bildungsbürger, der gerne kocht, isst und trinkt.Carlo Schmid sorgt Ende der 50er-Jahre mit dafür, dass die SPD zur Volkspartei wird. In den 60er-Jahren kämpft er an der Seite Willy Brandts für die neue Ostpolitik. Bleibende Verdienste erwirbt sich der Jurist auch im Verhältnis der Bundesrepublik zu Frankreich. Als der Grandseigneur der Sozialdemokraten 1979 stirbt, ehrt ihn der französische Staatspräsident als "Apostel der deutsch-französischen Versöhnung".

Stand: 11.12.04