16. Juni 2008 - Vor 50 Jahren: Ungarns Ministerpräsident Imre Nagy hingerichtet

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16. Juni 2008 - Vor 50 Jahren: Ungarns Ministerpräsident Imre Nagy hingerichtet

Kommunistenführer, die zu echten Volks- und Nationalhelden aufgestiegen sind, hat es nicht viele gegeben. Der Ungar Imre Nagy ist einer von ihnen. Über 30 Jahre lang gilt der Bauernsohn aus Kaposvar in seiner Heimat wegen seiner standfesten freiheitlichen Gesinnung während des Volksaufstandes von 1956 als verfemter Hochverräter. Heute verehren ihn seine Landsleute als Märtyrer der Demokratie. Seine politische Laufbahn beginnt der gelernte Landmaschinenschlosser im Ersten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft. Dort verschreibt sich der ungarische Soldat dem Bolschewismus und kämpft nach der Oktoberrevolution als Sowjetbürger gegen das bürgerliche Lager.

Imre Nagy macht als Mitarbeiter des Philosophen und Staatstheoretikers Nikolai Bucharin Parteikarriere, bleibt dabei aber, wie der Historiker Joachim von Puttkamer schreibt, "ein recht blasser Kader-Kommunist". Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt Nagy als Landwirtschaftsminister nach Ungarn zurück. Beim Volk ist der freundliche, ohne Bonzen-Attitüde auftretende Schnauzbart mit dem Zwicker auf der Nase sehr beliebt. Als Stalin 1953 stirbt und die Ungarn einen freiheitlichen "Neuen Kurs" ansteuern, wird der Mann aus der zweiten Reihe überraschend zum Ministerpräsidenten gewählt. Einige Punkte seines extrem reformorientierten Programms kann er verwirklichen, dann wechselt der Wind. 1955 wird Nagy abgesetzt und als "Rechtsabweichler" aus der Partei ausgeschlossen.

Doch dann leitet Nikita Chruschtschow in der UdSSR die Entstalinisierung ein und im Warschauer Pakt herrscht wieder Tauwetter. In Ungarn gehen immer mehr Menschen auf die Straße und fordern "Freundschaft mit sämtlichen Ländern" sowie ein Ende des allgegenwärtigen Terrors. Als sich die revolutionären Ereignisse im Oktober 1956 zu einem Volksaufstand zuspitzen, wird der gemütlich wirkende Nagy als Ministerpräsident reaktiviert, um die außer Kontrolle geratenen Massen zu beruhigen. Aber der Aufstand eskaliert und Imre Nagy stellt sich gegen die Betonkommunisten um Parteichef János Kádár auf die Seite des Volkes. Er fordert den Abzug der Roten Armee, kündigt ein Mehrparteiensystem an und unterschreibt damit sein Todesurteil. Nachdem die Sowjets den Aufstand niedergewalzt und in ein Blutbad verwandelt haben, lässt Kádár, der neue starke Mann Ungarns, seinen verhassten Gegenspieler in einem Geheimprozess aburteilen.Am 16. Juni 1958 wird der 62-jährige Imre Nagy im Hof des Zentralgefängnisses von Budapest aufgehängt. Die Leiche verscharrt man in der hintersten Ecke des Zoos, da, wo auch die Tiere vergraben werden. 30 Jahre später liegt das kommunistische System in den letzten Zügen und János Kádár tritt als Parteichef zurück. Das Oberste Gericht rehabilitiert den Freiheitskämpfer Imre Nagy in allen Punkten. Am 16. Juni 1989, dem Jahrestag der Hinrichtung, wohnen 600.000 Ungarn der Umbettung von Nagys Gebeinen in ein Ehrengrab bei. Es ist der Tag, an dem sein Henker Kádár in einem Budapester Krankenhaus stirbt.

Stand: 16.06.08