28. Juli 2008 - Vor 45 Jahren: Tod des Auto-Industriellen Carl F. W. Borgward

Stichtag

28. Juli 2008 - Vor 45 Jahren: Tod des Auto-Industriellen Carl F. W. Borgward

Carl Friedrich Wilhelm Borgward ist eine der schillerndsten Symbolfiguren des deutschen Wirtschaftswunders. Bis zum letzten Moment regiert der hemdsärmelige Selfmademan und geniale Tüftler wie ein absoluter Monarch über sein Auto-Imperium. Dieser letzte Moment kommt am Abend des 30. Januar 1961. Am Steuer seines Wagens hört Borgward die 19.00-Uhr-Nachrichten von Radio Bremen. Und erfährt völlig unvorbereitet, dass seine Firmengruppe zahlungsunfähig ist, weil der Bremer Senat dem notorisch klammen Unternehmen ohne Vorwarnung einen Zehn-Millionen-Kredit storniert hat. Frisches Geld werde erst fließen, wenn Borgward sein Lebenswerk ersatzlos an den Senat abtrete. Mit einem Schlag wird aus dem Patriarchen ein Bankrotteur. Fünf Tage später unterschreibt Carl Borgward als gebrochener Mann seine Kapitulationserklärung.

Bereits als Schüler bastelt der am 10. November 1890 in Altona geborene Sohn eines Kohlenhändlers sein erstes Automobil - aus einer Zigarrenkiste, einem Uhrwerk und einem Zahnradgetriebe. Carl absolviert eine Schlosserlehre, besucht die Maschinenbauschule und steigt 1919 in eine kleine Firma ein, die Kühler herstellt. Fünf Jahre später gelingt ihm der erste große Wurf. Aus einem als motorisierte Schubkarre konzipierten Gefährt entwickelt Borgward das legendäre Goliath-Dreirad. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Wilhelm Tecklenborg übernimmt Borgward 1929 die maroden Hansa-Lloyd-Motorenwerke und legt mit einem untrüglichen Gespür für Innovationen und Marktnischen den Grundstein zu seinem Konzern. 1937 kapituliert Tecklenborg vor dem durch nichts zu bremsenden Expansionsdrang seines Kompagnons und steigt aus. Borgwards Kommentar: "Wer nicht schwindelfrei ist, der sollte nicht auf Berge klettern."

Mit seinem neuen Werk in Bremen-Sebaldsbrück, der modernsten Autofabrik Deutschlands, steigt Borgward im Dritten Reich zum Wehrwirtschaftsführer auf. Nach Kriegsende wird er als Mitläufer neun Monate interniert. Kaum in Freiheit, lässt der besessene Ideenproduzent einen Publikumsrenner nach dem anderen an seinen Fließbändern zusammenschrauben. Im Hansa 1500, dem liebevoll "Leukoplastbomber" getauften Lloyd 300, und der 1954 vorgestellten Isabella rollen die frisch gebackenen Bundesbürger in den Wohlstand hinein. Die Krise beginnt für Borgward Ende der 50er Jahre mit drastischen Verkaufsrückgängen in den USA, seinem wichtigsten Exportmarkt. Nun rächt sich, dass der menschlich schwierige Alleinherrscher nie Wert auf gute Kontakte zu Banken, Bundesregierung und Bremer Senat gelegt hat. So gerät das chronisch finanzschwache Unternehmen, das von den als Kreditgeber benutzten Lieferanten hämisch "Borgen und Warten" getauft wird, zunehmend in Zahlungsschwierigkeiten.Eine 50-Millionen-Mark-Bürgschaft des Senats verschafft kurzfristig Luft, bis die Politiker dem ungeliebten Unternehmer im Februar 1961 den Geldhahn endgültig zudrehen und das Werk in den Konkurs rauschen lassen. Bittere Ironie: Noch wenige Monate zuvor hat der US-Konzern Ford 200 Millionen Dollar für den deutschen Autobauer geboten, was der sture Borgward allerdings ignorierte. Nun wird er mit 70 Jahren brutal aufs Abstellgleis geschoben. "Er hat weiter funktioniert", erzählt seine Tochter Monica, "aber gelebt hat er nicht mehr." Am 28. Juli 1963, nur zwei Jahre nach seinem erzwungenen Abtritt, stirbt Carl Friedrich Wilhelm Borgward in seiner Bremer Villa an Herzversagen.

Stand: 28.07.08