26. November 2008 - Vor 390 Jahren: Erstes öffentliches Leihhaus in Nürnberg eröffnet

Stichtag

26. November 2008 - Vor 390 Jahren: Erstes öffentliches Leihhaus in Nürnberg eröffnet

Drei mal acht Meter misst der Raum, davor eine dreifach gesicherte Stahltür. Bis an die Decke ist der begehbare Tresor des Nürnberger Pfandleihhauses gefüllt mit Wertgegenständen. Während sich draußen die globalisierte Finanzwelt in Grund und Boden spekuliert, bleibt das Geldgeschäft im Leihhaus seit Jahrhunderten für jedermann übersichtlich. Man bringt ein Pfand - vom geerbten Ring übers Tafelsilber bis zur Luxusyacht ist alles drin - und erhält sofort in bar den geschätzten Wert als Kredit. Die Zinsen betragen pro Monat höchstens ein Prozent der erlösten Summe, plus drei Prozent Bearbeitungskosten. Mehr verbietet das Gesetz. Seit 390 Jahren residiert die Nürnberger Pfandleihe dort, wo sie am 26. November 1618 gegründet wurde: in einem ehemaligen Kornspeicher mit massiven Sandsteinmauern und einem gotischen Treppengiebel an der Stirnseite.

Bis ins Spätmittelalter gilt die Zinserhebung bei allen Bank- und Pfandgeschäften als schwerer Verstoß gegen die katholischen Glaubenslehre. Weil der kirchliche Bannfluch zunehmend das florierende Wirtschaftsleben der Nürnberger behindert, erlässt Kaiser Maximilian I. 1498 ein Edikt zu Gunsten der reichen, aufstrebenden Kaufmannschaft: "So geben wir euch die Gnad und Freiheit, gönnen und erlauben euch, dass ihr Wechselbänk bei euch in der Stadt Nüremberg aufrichten und halten könnt." Des Kaisers Erlass hat bahnbrechende Wirkung. Reiche Patrizier gründen nun Bankhäuser, und die Juden, denen man das Geschäft mit dem Geld bis dato überließ, werden aus der Stadt vertrieben. Während jedoch die Handelskontore und Manufakturen von den neuen Banken profitieren, müssen sich klamme, aber nicht kreditwürdige Handwerker und Tagelöhner ihr Bares weiter bei halsabschneiderischen Geldverleihern beschaffen. Bei Zahlungsnot droht das Armenhaus, die Gefangenschaft im Schuldturm oder die Ausweisung.

So entwickeln sich Arm und Reich im Laufe der Jahrzehnte immer weiter auseinander. In der von Verelendung bedrohten Nürnberger Unterschicht beginnt es zu rumoren. Um einen Aufstand zu verhindern, sinnt der Magistrat auf Abhilfe - und findet sie in Augsburg. Seit 1590 betreibt die konkurrierende Reichsmetropole, Stammsitz des unermesslich reichen Finanz-Clans der Fugger, ein öffentliches Pfandleihhaus, das auch kleinen Leuten Kreditgeschäfte zu vernünftigen Konditionen ermöglicht. Als Vorbild dienten Einrichtungen des Benediktiner-Ordens, der bereits um 1462 in Italien so genannte "Montes Pietatis", Berge der Liebe und Barmherzigkeit, gegründet hatte. Dort sollten all jene Rettung finden, "welche im Schuldentale oder von der andringlichen Armutsnot und ihren Creditoribus heftig beängstigt werden". Der von den frommen Mönchen erfundene Kleinkredit auf Pfandbasis verbreitet sich rasch in Europa. 500 Jahre lang bleiben die öffentlichen Leihhäuser für wenig Begüterte die einzige Möglichkeit, kurzfristige Geldnöte zu überbrücken, ohne in die Fänge von Zinswucherern zu geraten. Ernsthafte Konkurrenz erwächst der Bank der kleinen Leute erst Mitte der 1950er Jahre - mit Einführung von Girokonto und Dispokredit.

Stand: 26.11.08