06. Juli 2008 - Vor 110 Jahren: Komponist Hanns Eisler wird geboren

Stichtag

06. Juli 2008 - Vor 110 Jahren: Komponist Hanns Eisler wird geboren

"Ich versuche mit den Mitteln der Musik, etwas politische Intelligenz in den Menschen hineinzubringen", sagt Hanns Eisler. "Seit meiner Jugend quält mich das Abseitsstehen, das Weghören der Musik vor unseren eigentlichen gesellschaftlichen Zuständen." Der Komponist wird am 6. Juli 1898 in Leipzig geboren, als Sohn eines österreichischen Philosophen und einer deutschen Würstel-Verkäuferin. Den Unterricht im Gymnasium, das von einem Jesuitenpater geleitet wird, findet Hanns "völlig falsch und rückschrittlich": "Ich setzte gegen diesen frühzeitigen Eingriff in mein Leben meine eigene Politik. Ich fing nämlich an, politisch nachzudenken." Er studiert in Wien Musik und trifft auf Arnold Schönberg, der die klassische Musik mit der Zwölfton-Technik revolutionieren will. Schönberg gibt dem Autodidakten Eisler Gratis-Unterricht.

Bekannt wird Eisler in den 20er und 30er Jahren: als Vertoner der Texte von Bertolt Brecht und als Vorkämpfer einer sozialistischen Musikkultur. Er will Leidenschaft, Überzeugung und Kampfeslust vermitteln.  Stilistische Vielfältigkeit prägt Eislers Werk: Chanson, Zwölfton-Musik, Kinderlied, Filmmusik. Von den Nazis als "entartet" gebrandmarkt, verbringt Eisler die Exiljahre in Paris, Dänemark, London, Prag, Moskau, New York, Mexiko und Los Angeles. 1948 wird er wegen "kommunistischer Umtriebe" aus den USA ausgewiesen. Das "Komitee für unamerikanische Aktivitäten" bezeichnet ihn als "Karl Marx auf dem Gebiet der Musik". Eisler geht nach Ost-Berlin. Während einer Autofahrt notiert er eine Melodie zu einem Gedicht von Johannes R. Becher. Daraus entsteht die Nationalhymne der DDR.

Im Osten ist Eisler "der führende Kampfmusiker", "die Lichtfigur der linken Musikbewegung", sagt Eisler-Biograph Jürgen Schebera. Auch weil Eisler "im Exil außerordentlich aktiv antifaschistisch tätig gewesen war und als Musikfunktionär gearbeitet hat." Im Westen spielt Eisler lange keine Rolle. Erst die 68-Bewegung entdeckt ihn für sich. Nach der Wiedervereinigung beginnt seine Renaissance. Heute gilt Hanns Eisler, der am 6. September 1962 in Ost-Berlin stirbt, als einer der vielseitigsten und originellsten Komponisten des 20. Jahrhunderts: "Wir sind in einem Zeitalter, in dem das politische Denken nichts Anderes ist als das echte Bewusstsein des Menschen über seine Lage. Das finden Sie hoffentlich in meiner Musik. Würden Sie es nicht finden, würde ich mir die gröbsten Vorwürfe machen."

Stand: 06.07.08