30. April 2008 - Vor 25 Jahren: Erstes Punkfestival in der DDR

Stichtag

30. April 2008 - Vor 25 Jahren: Erstes Punkfestival in der DDR

Zuerst treffen sie sich auf dem Alexanderplatz. Besucher in Ost-Berlin sollen merken: Auch in der DDR gibt es ab Ende der 1970er Jahre Punks. Sie sehen aus wie in der Bundesrepublik. Allerdings ist es für sie viel schwieriger, an das richtige Outfit zu kommen. Ein paar Springerstiefel kosten damals 100 Westmark, bei einem Kurs von eins zu sieben. Während die Punks im Westen gegen die Konsumgesellschaft rebellieren, wehren sich die Punks im Osten gegen den vorgezeichneten Lebensweg: "Kindergarten, Schule, Wehrausbildung NVA, Lehre machen, Kinderkriegen und dann arbeiten und dann Planerfüllung und dann alt zu werden für 400 Mark, das war vorgegeben", heißt es im Dokumentarfilm Ostpunk von 2007. Statt "no future" (keine Zukunft) wie im Westen herrscht aus Punker-Sicht im Osten "too much future " (zu viel Zukunft).

Ihre Musik besorgen sich die Ostpunks im Westen - etwa indem sie ihren Omas eine Einkaufsliste für den West-Berlin-Besuch mitgeben. Die mitgebrachten Platten werden mit Mikrophon und Kassettenrekorder immer wieder kopiert. Selbst Musik machen ist schwieriger und meistens nur in Räumen der Kirchen möglich. Die Bands haben Namen wie Wutanfall, Schleimkeim, Betonromantik und Internationale Müllabfuhr. Das erste Punkfestival der DDR findet am 30. April 1983 in der Christus-Kirche in Halle statt. Mehrere Tausend machen sich auf den Weg. Doch viele werden bei ihrer Abfahrt an den Bahnhöfen abgefangen und nach Hause geschickt. Die Stasi hat die Werbung für das Festival auch gelesen. Ungefähr 3.000 Punks schaffen es bis Halle. Es folgt eine ereignisreiche Nacht: "Die Punks haben gepogt, es gab Schlägereien, der Pfarrer war sehr erschüttert, es wurden irgendwelche Sachen geklaut", erinnert sich Festivalbesucher Alexander Seifert. "Alles das, was man schon mal von Punk gehört hat, ist da abgegangen."

Die staatliche Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Die Punks werden wie Staatsfeinde behandelt. Die Stasi unterwandert die Szene und wirbt Musiker als IM an. Wenige Monate nach dem Festival werden die Mitglieder der Band Namenlos verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Andere Punks werden zum Wehrdienst eingezogen, die jüngeren kommen in Heime für schwererziehbare Kinder. Auf die Repression folgt die Vereinnahmung: Einige Bands werden begnadigt und im offiziellen Jugendradio zugelassen. Die Punkszene löst sich allmählich auf - so wie die DDR ein paar Jahre später auch.

Stand: 30.04.08