22. September 2007 - Vor 40 Jahren: Premiere des Aufklärungsfilms "Helga"

Stichtag

22. September 2007 - Vor 40 Jahren: Premiere des Aufklärungsfilms "Helga"

Sanitäter des Roten Kreuzes sind im Herbst 1967 plötzlich sehr gefragt. Bundesweit rufen Filmtheaterbesitzer deren Hilfe herbei, um ohnmächtige, meist männliche Kinogäste wieder auf die Beine zu stellen. Eine Szene hat sie allerorten aus den Sitzen rutschen lassen, die in so brutaler Direktheit öffentlich noch nie zu sehen war: Eine schöne blonde Frau im Kreißsaal, ihre Beine weit gespreizt. Schonungslos zoomt die Kamera heran. Aus der Leinwand füllenden, blutigen Vagina presst sich dem Publikum zaghaft ein Köpfchen entgegen. Da bleibt so Manchem schlicht die Luft weg. Diese real gefilmte Geburt ist der aufregendste Moment eines Films, der Millionen volljähriger Menschen beiderlei Geschlechts in die westdeutschen Kinos lockt. "Helga - Vom Werden des menschlichen Lebens", erdacht und gedreht im Auftrag von Gesundheitsministerin Käte Strobel, vermittelt den Deutschen dringend benötigte Nachhilfe in Sachen Sexualaufklärung.

Ruth Gassmann, blond, mütterlich sexy und immer guter Laune, ist Helga. Käthe Strobel persönlich soll die unbekannte 24-jährige Münchenerin für die revolutionäre Nackt-Rolle ausgesucht haben. Helga stellt im Film die Fragen, die Kinobesucher ihren Eltern niemals gestellt hätten. Voyeure kommen im Lauf der Handlung kaum auf ihre Kosten. Abgerundet von kleinen Spielhandlungen folgen meist interessiert lauschende Erwachsene den bebilderten Vorträgen des medizinischen Personals. Dann verdeutlichen Grafiken, Standbilder und Simpel-Animationen, was zwischen Zeugung und Geburt in Helgas Körper vor sich geht. Dem Kassenerfolg schadet die etwas miefig vorgetragene Nachhilfe in Medizin und Biologie nicht. "Helga" spielt daheim 50 Millionen Mark ein, wird weltweit verkauft und bringt insgesamt 600 Millionen Menschen das kleine Einmaleins der Sexualität bei.

So bieder und unfreiwillig komisch "Helga" heute wirkt - nach der Uraufführung am 22. September 1967 kommt der Beifall von fast allen Seiten. Die Presse applaudiert dem ersten Aufklärungswerk der Kinogeschichte, der Vatikan gibt seinen Segen und selbst türkische wie algerische Zensurbehörden lassen "Helga" unbeanstandet passieren. Nur Volksaufklärer Oswalt Kolle geht die regierungsamtlich verbreitete Auffassung von Liebe ohne Lust und Sexualität ohne Trieb gegen den Strich. Mit "Das Wunder der Liebe", nur Wochen nach "Helga" in den Kinos, erklärt der erfolgreiche Illustrierten-Autor den Deutschen, dass Sex nicht nur zum Kindermachen gestattet ist. Der riesige Erfolg auch dieses Streifens lässt in immer kürzerer Folge zahllose Pseudo-Aufklärungsnachfolger das Leinwandlicht erblicken. Die Sexwelle überschwemmt Deutschland und eine Ministerin hat ihr zur Geburt verholfen

Stand: 22.09.07