Stichtag

16. April 1982: Geburt des ersten deutschen Retortenbabys

Der kleine Oliver ist ein "strammer Brocken": 4.150 Gramm schwer, 53 Zentimeter groß und offenbar kerngesund. Darüber freuen sich nicht nur die Eltern des Neugeborenen, sondern auch sein medizinischer Vater, Professor Siegfried Trotnow. Am 16. April 1982 ist es dem 42-jährigen Gynäkologen an der  Universitätsfrauenklinik in Erlangen gelungen, das erste deutsche Baby auf die Welt zu holen, das in einer Petrischale gezeugt wurde. Fünf Jahre nach dem weltweit ersten Retortenbaby Louise Brown  ist Olivers Geburt in der Bundesrepublik ein viel diskutiertes Ereignis, das live im ZDF-Gesundheitsmagazin "Praxis" übertragen wird. 

In der Bundesrepublik leben damals nach Schätzung der Ärzte etwa 100.000 Frauen, die wie Olivers Mutter Maria W. nicht auf natürliche Weise schwanger werden können. Obwohl die ethischen und medizinischen Grundlagen von Retorten-Zeugungen in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert werden, erreichen Professor Trotnow bald unzählige Nachfragen von sterilen Paaren mit Kinderwunsch. Eine Umfrage Mitte der 80er Jahre ergibt, dass knapp 80 Prozent eine positive bis absolut positive Einstellung gegenüber Retortenbabys haben.So ist es nicht weiter erstaunlich, dass die Kritik an der Befruchtung in der Petrischale inzwischen fast verstummt ist. 25 Jahre nach der Geburt von Oliver W. verdanken weltweit rund drei Millionen Kinder ihr Leben der In-Vitro-Fertilisation, kurz IVF genannt. Allein in Deutschland werden mittlerweile jährlich 6.000 Retortenbabys geboren.

Was als Behandlung von Unfruchtbarkeit bei Frauen begann, hat sich heute in Verbindung mit den Erkenntnissen der Gentechnik zu einem medizinischen Arsenal mit teils beängstigenden Möglichkeiten entwickelt. So wurde in England vor einigen Jahren das erste "Designerbaby " geboren. Es wurde gezeugt, um mit seinen Stammzellen dem vier Jahre älteren und kranken Geschwister helfen zu können. In den USA lebt ein Mädchen mit drei Müttern und zwei Vätern: Dieses Kind aus dem Labor hat eine Eispenderin, einen Samenspender, eine Leihmutter und soziale Eltern. Selbst Frauen jenseits der 60 sind mit künstlicher Nachhilfe schon Mütter geworden. Was das für die künftige Identität dieser Kinder bedeutet, kann niemand beantworten.In Deutschland setzt das Embryonenschutz-Gesetz von 1991 der Reproduktionsmedizin enge Grenzen. Geht es in den meisten anderen Staaten heute darum, Rohmaterial für die Forschung heranzuzüchten, besitzt ein Embryo - den Richtlinien des Deutschen Ethikrats zufolge - von Beginn an Lebensrecht und genießt deshalb besonderen Schutz.

Stand: 16.04.07

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