30. September 1827: Todestag des Dichters Wilhelm Müller

Stichtag

30. September 1827: Todestag des Dichters Wilhelm Müller

In Wien stößt 1823 ein unbekannter, bettelarmer Komponist auf ein Bändchen romantischer Gedichte und Lieder. Sie gehören zum Kernrepertoire deutscher Männerchöre ebenso wie zum Zitatenschatz der gebildeten Kreise. Verfasst hat sie ein junger Schneiderssohn aus Dessau, der unter Literaten als einer der Großen gerühmt wird. Zunächst vertont der unbekannte Komponist namens Franz Schubert dessen Zyklus "Die schöne Müllerin", später zwölf Lieder unter dem Titel "Die Winterreise".Nur wenige Uraufführungen seiner Werke sind ihm vergönnt; bereits mit 31 Jahren erliegt Schubert der Syphilis. Der schon ein Jahr zuvor verstorbene junge Dessauer Dichter, Wilhelm Müller, und der unbekannt gebliebene Wiener Komponist haben sich niemals kennengelernt. 

In Armut gestorben avanciert Franz Schubert posthum zum verehrten Klassiker und bewunderten Schöpfer des Kunstliedes. Wilhelm Müller dagegen, jener 1794 in Dessau geborene Dichter des romantischen Weltschmerzes, versinkt in der Vergessenheit. Niemand denkt heute noch bei vermeintlichen Volksliedern wie "Am Brunnen vor dem Tore", "Das Wandern ist des Müllers Lust" oder Schuberts "Winterreise" an den Mann, dem Heinrich Heine gesteht: "Es drängt mich sehr Ihnen zu sagen, dass ich keinen Liederdichter außer Goethe so sehr liebe wie Sie." Andere empfinden ebenso. 1925 ergibt eine Bestandsaufnahme, dass außer Schubert 240 weitere Komponisten 123 Werke des heute weitgehend Vergessenen vertont haben.

Das Wandern ist auch Wilhelm Müllers Lust und Leidenschaft. Während seiner vielen Reisen sammelt der Vielschreiber Eindrücke, die er in Gedichten und Liedern, Novellen, Enzyklopädie-Artikeln und Rezensionen verarbeitet. Seine Leidenschaft für den Unabhängigkeitskampf der Griechen gegen die Türken trägt dem politisch engagierten Freigeist den Namen "Griechen-Müller" ein. Im Juli 1827 unternimmt der Autor mit seiner Frau Adelheid eine strapaziöse Rheinreise. Wenige Tage nach der Rückkehr ins heimische Dessau, kurz vor seinem 33. Geburtstag, legt sich Müller abends ins Bett - ausgezehrt, aber ohne besorgniserregende Anzeichen. Es ist der 30. September 1827. Im Schlaf stirbt der rastlose Romantiker - vermutlich an einem Herzinfarkt.

Stand: 30.09.07