27. Juli 2007 - Vor 2.405 Jahren: Sokrates stirbt durch Gift

Stichtag

27. Juli 2007 - Vor 2.405 Jahren: Sokrates stirbt durch Gift

Der Häftling ist 70 Jahre alt, von Beruf Steinmetz. Verurteilt wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend sitzt er vier Wochen im Staatsgefängnis von Athen ein. Er darf Besuch empfangen: Seine Frau Xanthippe kommt mit den Kindern; mit Freunden diskutiert er stundenlang. Sie fordern ihn auf zu fliehen. Aber der Häftling will sich in sein Schicksal fügen, sich dem Urteil der Athener Demokratie beugen, auch wenn er sich nicht schuldig bekennt. Als man ihm den Becher mit dem Gift des Schierlingspilzes bringt, trinkt er ihn. Den Freunden befielt er noch, dem Heilungsgott Äskulap einen Hahn zu opfern, den er noch schuldig ist. Dann wirkt das Nervengift: Das Konein in seinem Körper lähmt ihn von den Beinen an. Am Schluss lähmt es auch die Atmung. Der Verurteilte erstickt. Es ist der 27. Juli 398 v. Chr. Das Gefängnis, in dem Sokrates stirbt, ist heute ausgegraben. Es liegt gleich neben der Agora, dem antiken Markt und Mittelpunkt der Stadt. Sogar die Schierlingsbecher für die Hinrichtungen findet man.

Über den Tod des Sokrates schreibt sein Schüler Platon zwei Bücher. Der philosophierende Steinmetz dagegen hinterlässt keine einzige Zeile. Nur aus den Schriften des Platon lässt sich seine Philosophie erschließen. Eine Lehre, ein System ist sie nicht, eher eine Methode. Sokrates selbst, der Sohn einer Hebamme, nennt sie Hebammen-Kunst. Er spricht die Leute auf dem Markt, auf der Straße oder beim Saufgelage an. Er verwickelt sie mit Fragen ins Nachdenken über Dinge, die sie zu wissen glauben. Was ist Tugend? Was ist Tapferkeit? Was ist ein guter Staatsmann? Wer einige Zeit lang mit Sokrates spricht, muss selbst entdecken, was der Mann auch von sich bekennt: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Philosophie im Schatten der Akropolis

Besonders die jungen Athener verehren Sokrates. Die Etablierten hassen ihn, schließlich stellt er zu viele von ihnen bloß. Seine Fragen wirken zersetzend. Lehrt er nicht, restlos an allem zu zweifeln, an den Grundlagen der Politik und schließlich auch an den Göttern? Athen hat nach einer Phase des Glanzes, in der man die Akropolis prachtvoll ausbaute, 30 Jahre Krieg mit Sparta geführt - und verloren. Mühsam erholt sich die Stadt vom Verlust der Vorherrschaft in Griechenland. Gerade erst ist man zur Demokratie zurückgekehrt. Athen kann Instabilität nicht brauchen. Deshalb wohl muss Sokrates sterben.Sokrates trinkt den Becher, weil er den Tod nicht fürchtet, ein Leben ohne Philosophie für ihn aber sinnlos ist. Er hinterlässt nur seine Worte im Gedächtnis der Schüler. Aber daraus wächst Griechenlands große Philosophie. Platon gründet nach seinem Tod eine Akademie. Deren berühmtester Schüler wird Aristoteles.

Stand: 27.07.07