24. Mai 2007 - Vor 195 Jahren: "Singe, wem Gesang gegeben" wird gedichtet

Stichtag

24. Mai 2007 - Vor 195 Jahren: "Singe, wem Gesang gegeben" wird gedichtet

"Singe, wem Gesang gegeben" - ein Satz, ein Vers, ein Lied? Es gibt Worte, die geistern in der Welt herum, als hätte es sie immer schon gegeben. Ihre Erfinder sind längst vergessen. Die fragliche Zeile hat sich der schwäbische Dichter Ludwig Uhland ausgedacht und am 24. Mai 1812 in seinem Tagebuch notiert. "Man verbindet mit seinen Gedichten nicht mehr seinen Namen, weil seine Gedichte zu volkstümlich waren", erklärt Wilfried Setzler, Kulturamtsleiter in Uhlands Heimatstadt Tübingen.

Uhland gehört zu den Dichtern der Romantik, die gegen die festen Formen der Klassik anschreiben. Gedichte sollen klingen wie Volkslieder, denn Gedichte werden in dieser Zeit umgehend vertont. Das Singen wird organisiert, es entstehen Liedertafeln und Gesangsvereine. Dort wird aber nicht nur gesungen, sondern auch debattiert. "Das hängt damit zusammen, dass das Bürgertum ein ganz neues Selbstbewusstsein entwickelt", sagt Kulturamtsleiter Setzler. "Das Singen verbindet alle: den Bauern, den Politiker, den Handelsmann." Sogar die Schranke zwischen Bürger und Adel werde durch den Gesang niedergerissen. Zugleich soll die Zerstückelung Deutschlands in hunderte Fürstentümer überwunden und ein Land geschaffen werden - indem es sich auf gemeinsame Wurzeln im Volkslied besinnt.

In der letzten Strophe von Uhlands Gedicht "Freie Kunst", das mit der Zeile "Singe, wem Gesang gegeben" beginnt, heißt es: "In den frischen Eichenhainen webt und rauscht der deutsche Gott". Uhland Eintreten für eine deutsche Nation, seine Suche nach Volksnähe haben die Herrschenden über Jahrhunderte für nationale Propaganda benutzt - vom Kaiserreich bis zu den Nationalsozialisten. "Er ist einer der volkshaftesten Dichter, vielleicht der volkshafteste Dichter, den wir überhaupt besitzen", sagt 1937 Richard Suchenwirth, Mitbegründer der österreichischen NSDAP, zur Feier von Uhlands 150. Geburtstag. Vom Gedicht "Freie Kunst" bleibt unterdessen nur die erste Zeile erhalten, der Rest wird umgedichtet. Das sei das Schicksal eines Volksliedes, sagt Lutz Röhrich vom Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg. Es lebe in der mündlicher Überlieferung. "In dem Moment ist der Text nicht nur ein fixer Text eines Dichters, sondern ein vom Volk zu seinem Eigentum gemachter Text", so Röhrich. Das Lied mit dem Originaltext von Ludwig Uhland gibt es heute in keinem Plattenladen zu kaufen.

Stand: 24.05.07