01. November 1996: Al-Dschasira wird gegründet

Stichtag

01. November 1996: Al-Dschasira wird gegründet

Wer sich früher in der arabischen Welt über Vorgänge im eigenen Land informieren wollte, schaltete die englische BBC ein, denn unabhängigen Journalismus gab es im eigenen Staatsfernsehen nicht. 1996 will der saudi-arabische Medienkonzern Orbit das ändern. Er strebt einen gemeinsam mit der BBC betriebenen Nachrichtendienst an. Aber im April scheitern die Verhandlungen. Etwa 250 schon angestellte Mitarbeiter werden arbeitslos. Da springt Hamad bin Khalifa al-Thani ein, der Emir des Golfscheichtums Katar. Mit 125 Millionen Euro Startkapital holt er den neuen Sender auf seine Halbinsel. Deshalb nennt er sich "Al-Dschasira", die Insel. Das goldene Logo entwickelt eine Firma in München. Am 1. November 1996 nimmt er seinen Betrieb über Satellit auf.Al-Thani lässt den Sender unabhängig arbeiten. So entsteht ein Programm aus stündlichen Nachrichten, Reportagen und Talkshows, in dem Tabuthemen wie arabische Politik, Menschenrechte, die Stellung der Frau, Sexualität und Religion zur Sprache kommen. In kurzer Zeit wird Al-Dschasira zur wichtigsten arabischen Informationsquelle in der Region, aber auch für westliche Medien. 40 bis 50 Millionen Menschen schalten ihn täglich ein. Sie sehen etwa die Talkshow "Die andere Richtung", in der sich zwei Gäste mit konträrer Meinung verbal, manchmal aber auch wörtlich in die Haare geraten. Dabei treten Regimekritiker und sogar Gäste aus Israel auf.Druck von arabischen Nachbarregierungen wehrt der Emir von Katar mit Hinweis auf die Pressefreiheit ab. Al-Dschasira baut als erster arabischer Sender ein weltweites Korrespondentennetz mit etwa 70 Mitarbeitern auf und vermittelt so auch ein Bild der nicht-arabischen Welt. Im Westen wird der Sender berühmt, aber auch berüchtigt, als er wenige Wochen nach dem 11. September 2001 eine Videobotschaft des Al-Qaida-Chefs Osama bin Laden ausstrahlt. Mehrfach gesendete Botschaften von Terroristen - etwa nach Entführungen im Irak - bringen Al-Dschasira den Ruf eines "Terrorsenders" ein. Aktham Suliman, Deutschlandkorrespondent des Senders, verteidigt die Praxis jedoch mit Hinweis auf den Nachrichtenwert der Videos, der das einzige Kriterium für die Ausstrahlung sei. Auch die häufig gezeigten Bilder von grausam zerstückelten Leichen, darunter Kindern, verteidigt er: Im Irak oder in den Palästinensergebieten sähen die Menschen diese Realität selbst. "Wenn wir hier zensieren, gelten wir in der Region als Lügner", sagt Suliman.

Inzwischen hat Al-Dschasira in mehreren arabischen Ländern Nachahmer gefunden. Die erfolgreichste Konkurrenz ist der saudi-arabische Sender "Al-Arabia". Zu einer breiteren Demokratisierung hat das unabhängige Fernsehen nach zehn Jahren allerdings noch nicht geführt. 

Stand: 01.11.06