24. September 1991: Markus Wolf stellt sich deutschen Behörden

Stichtag

24. September 1991: Markus Wolf stellt sich deutschen Behörden

Für die westlichen Geheimdienste ist er lange "der Mann ohne Gesicht". Bis Ende der 70er Jahr hat der Bundesnachrichtendienst kein Foto seines Gegenspielers. Über 35 Jahre steht der gebürtige Schwabe an der Spitze des DDR-Auslandsspionagedienstes. Die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) ist eine Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Ihr Leiter ist Markus Wolf, Spitzname Mischa. Wenige Tage vor dem Ende der DDR flieht er nach Moskau. Nach dem gescheiterten Putschversuch gegen den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow stellt sich Wolf am 24. September 1991 an der österreich-bayerischen Grenze den deutschen Behörden. Es folgen sieben Tage Untersuchungshaft. Gegen eine Kaution von 250.000 Mark kommt Wolf auf freien Fuß. Er hofft auf eine milde Strafe: "Ich hatte natürlich dafür gesorgt, dass Dinge, die mich und andere belasten konnten, nicht mehr da waren."

Markus Wolf ist bei der Gründung des Spionagedienstes dabei, als sich ausgewählte Parteikader im August 1951 in einer Villa bei Berlin treffen: "Er wurde nach außen hin als Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung, IWF, bezeichnet. Der echte, interne Name war Außenpolitischer Nachrichtendienst, abgekürzt APN", erinnert sich Wolf. Kurz darauf beginnt sein steiler Aufstieg zum zweitmächtigsten Mann des MfS. Mit knapp 30 Jahren wird er der jüngste General der DDR. Im Dezember 1952 übergibt ihm der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht die Leitung des Nachrichtendienstes. Nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 will die Partei beweisen, dass die Unruhen vom westdeutschen Klassenfeind gesteuert waren. Wolfs Dienst verschleppt mutmaßliche Rädelsführer von West- nach Ostberlin, wo sie in Schauprozessen zu hohen Haftstrafen verurteilt werden. Wolf rechtfertigt sich später: "Ich habe nur Informationen geliefert."

1956 wird Wolfs Abteilung in Hauptverwaltung Aufklärung umbenannt. Er bleibt deren Chef bis 1986. Zu seinen Methoden gehört die Anwerbung von Sekretärinnen in den Vorzimmern westlicher Institutionen über so genannte Romeos. Diese Stasi-Agenten täuschen den Frauen Liebe vor, um an geheime Informationen zu kommen. Wolfs bekanntester Coup ist die Platzierung von Günter Guillaume als persönlicher Referent von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD). Brandt tritt deshalb 1974 zurück. Zwei Jahre zuvor hat die HVA noch dafür gesorgt, dass das Misstrauensvotum gegen ihn im Bundestag scheiterte. Die Stasi kaufte zwei Stimmen von Hinterbänklern. Unter anderem für diese beiden Aktionen wird Wolf im Dezember 1993 in Düsseldorf wegen Landesverrats und Bestechung zu sechs Jahren Haft verurteilt, die Strafe aber unter Auflagen ausgesetzt. Wolfs Kommentar: "Es ist eben die Abrechnung der Sieger." Heute lebt der 84-Jährige in Berlin und schreibt Bücher.

Stand: 24.09.06