07. Mai 1866: Attentat auf Otto von Bismarck

Stichtag

07. Mai 1866: Attentat auf Otto von Bismarck

"Als der Ministerpräsident Graf Bismarck heute Nachmittag (...), von dem Vortrage bei Seiner Majestät (...) zurückkehrend, in der Mitte der Linden-Allee entlang ging, hörte er (...) zweimal hinter sich schießen", heißt es im Berliner Extrablatt der "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" vom 7. Mai 1866. "Der Ministerpräsident sprang auf den Verbrecher los, der zum dritten Mal schoss und abermals verfehlte." Bevor Otto von Bismarck den Mann entwaffnen kann, gelingt es diesem, zwei weitere Schüsse abzugeben. Der Ministerpräsident wird zwar getroffen, aber nur leicht verletzt. Er hat gerade eine Erkältung überstanden und sich deshalb sehr warm angezogen. Die dicke Kleidung ist versengt und durchlöchert, doch die Kugeln sind von den Rippen abgeprallt. "Gottes Hand ist dazwischen gewesen", staunt Bismarcks Leibarzt, als der Graf ihm eine nahezu unversehrte Brust präsentiert.

Der Attentäter Ferdinand Cohen-Blind wird verhaftet. Der 22-Jährige ist der Stiefsohn des badischen Revolutionärs Karl Blind, der nach der Revolution von 1848 mit seiner Familie nach London emigrierte. Ferdinand wuchs in der Emigrantenszene auf, in der auch Karl Marx und Friedrich Engels verkehren. Ferdinand wird als Kind oft gehört haben, wie preußische Truppen während der Revolutionsjahre in Baden und Württemberg  wüteten. Er kehrt mit Anfang 20 auf den Kontinent zurück, um in Hohenheim bei Stuttgart Forstwirtschaft zu studieren. Er ist beliebt und außerordentlich intelligent. Seine Lehrer halten viel von ihm. Doch Cohen-Blind wird zum Attentäter: Er kauft sich eine Pistole, steigt in den Zug nach Berlin und zielt auf Bismarck. Wenige Stunden nach dem Anschlag durchtrennt er sich im Gefängnis die Kehle. In seinem Abschiedsbrief hat er seine Tat begründet: "Bismarck ist ganz entschieden ein Verräter an Deutschland." Mit dieser Ansicht steht der junge Mann nicht allein. Bismarck gilt vor allem bei den Liberalen als skrupelloser Gewaltpolitiker. Denn deren Mehrheit im preußischen Abgeordnetenhaus hatte er nach seiner Berufung zum Ministerpräsidenten 1862 mit diktatorischen Maßnahmen zu brechen versucht. So wurden etwa liberale Beamte entlassen und Zeitungen verboten. Selbst vielen Konservativen ist Bismarck ein Dorn im Auge, weil er seit Jahren erkennbar auf einen Krieg mit Österreich zusteuert.

Laut Cohen-Blinds Abschiedbrief ist Bismarck deshalb "die Hauptveranlassung zu dem bevorstehenden Krieg. Weder das preußische noch das österreichische Volk wollen ja Krieg, er wird rein von oben diktiert." Das Kalkül des Attentäters: Durch das Opfer zweier Leben – des eigenen und des Otto von Bismarcks - den Tod vieler tausend auf dem Schlachtfeld zu verhindern. Doch der so genannte Bruderkrieg kommt und Preußen siegt. Nach der Entscheidungsschlacht von Königgrätz am 3. Juli 1866, bei der über 50.000 Soldaten sterben, ändern die Bismarck-Kritiker plötzlich ihre Meinung. "Es ist wirklich erstaunlich, in welcher atemberaubender Schnelligkeit sich damals die verbissensten Bismarck-Gegner in Bewunderer des Mannes verwandelten", sagt Historiker Volker Ullrich. 1871 wird Bismarck als Reichsgründer umjubelt. Die Legendenbildung beginnt: Der "Eiserne Kanzler" wird zum Mythos. Als Ullrich 1998 in der Wochenzeitung "Die Zeit" die Frage stellt, ob es nicht an der Zeit wäre, auch dem Attentäter ein ehrendes Gedenken zu geben, wird er von Lesern wüst beschimpft. Rückblickend sagt Ullrich über Cohen-Blind: "Ich kann seine Motive nachvollziehen, obwohl ich sie natürlich nicht billigen kann."

Stand: 07.05.06