23. Oktober 2006 - Vor 50 Jahren: Der Ungarn-Aufstand beginnt

Stichtag

23. Oktober 2006 - Vor 50 Jahren: Der Ungarn-Aufstand beginnt

Nach dem Tod Josef Stalins 1953 beginnt in der Sowjetunion eine kurze Phase politischen Tauwetters. Im Februar 1956 verurteilt Generalsekretär Nikita Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU die Verbrechen der Stalinzeit. Diese Distanzierung löst im gesamten Ostblock Hoffnungen auf eine Liberalisierung aus. Im Juni kommt es im polnischen Posen zu Arbeiterunruhen. Aus Solidarität gehen am 23. Oktober 1956 in Budapest Studenten auf die Straße. Die Demonstranten ziehen zum staatlichen Rundfunksender in der ungarischen Hauptstadt. Er soll ihre Forderungen nach demokratischen Freiheiten und der Unabhängigkeit Ungarns verbreiten. Plötzlich schießen ungarische Geheimpolizisten in die Menge. Es gibt Verletzte und Tote. Die aufgebrachte Menge stürzt am Donau-Ufer ein Stalin-Denkmal. Noch in der Nacht weiten sich die Proteste zum Aufstand aus. Teile von Armee und Polizei wechseln ins Lager der Aufständischen.

Die Sowjetunion schickt Panzer, die mit Molotow-Cocktails beworfen werden. Demonstranten stürmen die kommunistische Parteizentrale und massakrieren Funktionäre und Geheimpolizisten. Reformsozialist Imre Nagy, der von Altstalinisten als Ministerpräsident abgesetzt worden war, kommt wieder ins Amt. Nagy fordert freie Wahlen, eine freie Presse und ein Mehrparteiensystem. Revolutionsräte bilden sich, unabhängige Zeitungen erscheinen, Gefängnisse werden gestürmt. Der Aufstand erfasst das ganze Land. Weltkriegsängste machen sich breit. Doch die USA wollen nicht eingreifen, sagt der Osteuropa-Historiker Joachim von Puttkamer aus Jena: "Es ist frühzeitig der sowjetischen Seite signalisiert worden, dass Amerika in Ungarn nicht intervenieren würde." Dennoch stachelt der US-Propaganda-Sender "Radio Freies Europa" die Ungarn auf und verspricht, US-Militär werde ihnen zu Hilfe kommen.

Die Sowjet-Führung ist in ihrer Reaktion nicht von vornherein festgelegt. Als es in der UdSSR zu zahlreichen Solidaritäts-Demonstrationen kommt, entscheidet sich Chruschtschows am 31. Oktober für den Einmarsch in Ungarn. Daraufhin erklärt Nagy Ungarns Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität. Die sowjetischen Truppen greifen mit 6.000 Panzern, Artillerie und Flugzeugen an. Nach elf Tagen sind die Ungarn besiegt. Offiziell sterben 2.652 Menschen, Schätzungen gehen von bis zu 64.000 Toten aus. Etwa 200.000 Ungarn fliehen in den Westen. An Ungarns Spitze kommt wieder ein moskautreuer Kommunist: János Kádár. 35.000 Aufständische werden angeklagt, 239 hingerichtet. Kádár sorgt dafür, dass sein Vorgänger Imre Nagy knapp zwei Jahre nach dem Aufstand in einem Geheimprozess verurteilt und exekutiert wird. Seine Leiche wird heimlich im Budapester Zentralfriedhof beerdigt - in einer Ecke, wo auch tote Zootiere vergraben werden. 31 Jahre später wird Nagys Leiche exhumiert. Die anschließende Beisetzung auf dem Budapester Heldenplatz ist 1989 der Auftakt zur friedlichen Wende in Ungarn.

Stand: 23.10.06