28. März 2006 - Vor 65 Jahren: Die Schriftstellerin Virginia Woolf begeht Selbstmord

Stichtag

28. März 2006 - Vor 65 Jahren: Die Schriftstellerin Virginia Woolf begeht Selbstmord

Am 28. März 1941 schreibt Virginia Woolf ihrem Mann einen Abschiedsbrief. "Liebster, ich spüre genau, dass ich wieder wahnsinnig werde", lautet die verzweifelte Botschaft. Seit Woolf nach dem Tod ihrer Mutter mit 13 Jahren zum ersten Mal psychisch zusammenbrach, hat die Krankheit sie immer wieder eingeholt. Jetzt hat die Schriftstellerin keine Kraft zur Hoffnung mehr. "Diesmal werde ich nicht wieder gesund werden", heißt es weiter in dem Brief. "Ich höre Stimmen, und ich kann mich nicht konzentrieren. Ich kann nicht länger dagegen ankämpfen." 59 Jahre hat Woolf, die 1882 als Virginia Stephen in London geboren wird, gegen ihr psychisches Leiden angekämpft. Ihren inneren Stimmen gibt sie in der Literatur eine Form. Als erste Autorin überhaupt verwendet sie den "inneren Monolog", um die Seelenlage ihrer Heldinnen stenographisch wiederzugeben – und führt ihn in Romanen wie "Mrs. Dalloway" (1925), "Die Fahrt zum Leuchtturm" (1927) oder "Orlando" (1928) zur Vollendung. Schreiben ist für sie eine Therapie, die sie über Wasser hält – ebenso wie die berühmten, zunächst am Donnerstag in der Wohnung ihres Bruders Thoby im Londoner Stadtteil Bloomsbury stattfindenden Salongespräche, bei denen Literaten wie D.H. Lawrence oder Lytton Strachey ebenso zugegen sind wie die Wissenschaftler und Philosophen John Maynard Keynes und Bertrand Russell. Ein weiterer Haltepunkt ist Leonard Woolf, ein rhetorisch brillanter Beamter, später Kritiker und Verleger, den sie 1912 heiratet. Ihre Abneigung gegen männliche Sexualität, die von Übergriffen ihrer Halbbrüder während ihrer Kindheit herrührt und die sie ihrem Mann mit schonungsloser Offenheit gesteht, toleriert er ebenso wie ihre lesbischen Neigungen.

Als während des zweiten Weltkriegs mit London auch ihr geistiger Halt im Bombenhagel versinkt, verliert Woolf die letzte Kraft. Mit Steinen in den Manteltaschen stürzt sich die gute Schwimmerin 1941 in den Fluss vor ihrem Landhaus bei Lewes (Sussex). Die letzten Worte gelten ihrem Mann. "Du hast mir das größtmögliche Glück geschenkt", heißt es im Abschiedsbrief. "Wenn einer mich hätte retten können, dann wärest du es gewesen."

Stand: 28.03.06