11. Juli 2006 - Vor 100 Jahren: Herbert Wehner wird geboren

Stichtag

11. Juli 2006 - Vor 100 Jahren: Herbert Wehner wird geboren

Herbert Wehner ist sauer. Immer wieder haben Abgeordnete der CDU seine Bundestagsrede vom 13. März 1975 mit Zwischenrufen unterbrochen. "Sie Bolschewist", wird er genannt, als "alter Kommunist" beschimpft. Da platzt dem SPD-Abgeordneten der Kragen. "Wer einmal Kommunist war, den verfolgt Ihre gesittete Gesellschaft bis zum Lebensende. Und wenn es geht, lässt sie ihn auch noch durch Terroristen umbringen", schmettert er seinen Kontrahenten entgegen. Bereits kurz nach dem Krieg hatte er dem SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher gegenüber eine ähnliche Befürchtung geäußert, als dieser ihn in seinen engsten Kreis berief. "Die werden mir doch die Haut vom lebendigen Leibe abziehen", hatte er gesagt. Schumacher hatte geantwortet: "Und du bist einer, der das aushält."Wehner wird am 11. Juli 1906 in Dresden geboren. Sein Vater ist SPD-Mitglied, er selbst schließt sich der sozialistischen Arbeiterjugend an. 1926 wird er Mitarbeiter Erich Mühsams bei der Zeitschrift "Fanal", ein Jahr später stößt er zur KPD. 1935 muss Wehner aus Deutschland fliehen, zunächst nach Belgien und Holland, später nach Prag, wo er im Gefängnis sitzt, dann nach Paris. In die Sowjetunion abgeschoben, geht er 1941 im Auftrag der Moskauer Regierung nach Stockholm, um unter deutschen Kommunisten nach undichten Stellen zur Gestapo zu suchen. 1942 kommt er wegen "Gefährdung der schwedischen Freiheit und Neutralität" in Haft - und bricht endgültig mit dem Kommunismus.

Zuchtmeister der SPD

1946 geht Wehner nach Deutschland zurück und wird Mitglied der SPD. Ab 1949 sitzt er 34 Jahre lang ununterbrochen im Bundestag. Am Wandel der SPD von der Klassen- zur Volkspartei durch das "Godesberger Programm" (1959) ist er maßgeblich beteiligt, ebenso am Bekenntnis der Genossen zur Westpolitik Konrad Adenauers (CDU). Nach der Ernennung Willy Brandts zum Bundeskanzler 1969 wird Wehner zum Fraktionsvorsitzenden gewählt. Hier erwirbt er sich durch seine ruppige, aber auch konsequente Art den Ruf des Zuchtmeisters, der die Partei bei der Stange hält. Darüber hinaus macht er sich für eine gemäßigtere Ostpolitik stark, die den Menschen in er DDR Erleichterung bringen soll, bekennt sich aber gleichzeitig zum Nachrüstungsbeschluss der Nato. 1983 verabschiedet er sich aus dem Parlament: "Ich passe nicht mehr in die Reihen, die da mehrere Seiten geschlossen haben."78 Ordnungsrufe kassiert Wehner in seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter: ein einsamer Rekord. Aufbrausend und hin und wieder ungerecht, stellt er seine unermüdliche Arbeit all die Jahre ganz in den Dienst der Partei. "Ich diene", ist sein Lebensmotto. Wehner stirbt 1990 in Bonn. Die Wiedervereinigung erlebt der schwer zuckerkranke Politiker, an Alzheimer leidend, nicht mehr richtig mit.

Stand: 11.07.06