30. Oktober 2006 - Vor 45 Jahren: Arbeitskräfteabkommen mit der Türkei unterzeichnet

Stichtag

30. Oktober 2006 - Vor 45 Jahren: Arbeitskräfteabkommen mit der Türkei unterzeichnet

In Westdeutschland herrscht Notstand. Ausgerechnet im Wirtschaftswunderrausch der fünfziger Jahre drohen viele Maschinen in den Fabriken plötzlich still zu stehen. Der Grund: Es fehlt an Personal, um sie zu bedienen. Die Bundesregierung muss reagieren. Sie tut es, indem sie Arbeiter aus dem Ausland zu rekrutieren sucht. 1955 unterzeichnen Deutschland und Italien die "Vereinbarung über die Anwerbung und Vermittlung von Arbeitskräften" für Saisonarbeiter, es folgen Griechenland und Spanien. Am 30. Oktober 1961 wird in Bad Godesberg ein Arbeitskräfteabkommen mit der Türkei geschlossen. Die Bundesanstalt für Arbeit richtete in Istanbul eine Verbindungsstelle ein, Ärzte prüfen Interessenten auf Herz und Nieren. Zehntausende kommen und müssen zunächst in Notunterkünften hausen. Für die Entwicklung der Bundesrepublik ist dies der wohl weitreichendste Schritt.Unter Unternehmern ist der Versuch zunächst umstritten. Aus Italien, so fürchtet man, holt man sich streitbare Kommunisten in die Betriebe, Sprachbarrieren könnten den Produktionsfluss hemmen. Aber schließlich verlangt die steigende Nachfrage auch neue, nicht-deutsche Arbeitskräfte. Eine gezielte Werbekampagne von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (CDU) tut 1954 ihr übriges. Im Herbst 1964 wird am Kölner Hauptbahnhof unter Trompetenklängen, Blitzlichtgewitter und dem Surren der Wochenschau-Kameras mit Armando Rodruiges de Sá der Millionste "Gastarbeiter" begrüßt. Gastarbeiter werden die Angeworbenen immer noch genannt. Denn nach einer gewissen Zeit, so lautet die Idee, sollen sie in ihre Heimat zurück und gegen Landsleute ausgetauscht werden.

Aber der Plan geht in vielen Fällen nicht auf. Das Rotationsprinzip ist für die Industrie wirtschaftlich nicht rentabel, weil ausgebildete Fachkräfte gegen Neuankömmlinge ersetzt werden müssten. Und auch die Angeworbenen wollen nicht mehr zurück. Rückkehrprogramme in den achtziger Jahren scheitern. Vor allem viele Türken holen ihre Familien nach, um für immer in Deutschland zu leben. Sie errichten Moscheen, ihre Kultur verändert ganze Stadtteile. Selbstständige türkische Unternehmer kümmern sich in Deutschland unter anderem auch um die Nachfrage eines selbständigen türkischen Markts. Aus Gastarbeiterkindern werden "Jugendliche mit Migrationshintergrund".

Stand: 30.10.06