Stichtag

04. Oktober 2006 - Vor 20 Jahren: Sturmflut-Wehr an der Oosterschelde eingeweiht

Die Betonpfeiler sind fast 40 Meter hoch, so hoch wie ein Haus mit zwölf Stockwerken. Jeder Pfeiler wiegt 18.000 Tonnen. Zwischen den Pfeilern sind insgesamt 62 stählerne Schleusentore eingelassen. Innerhalb von einer Stunde können die Tore hydraulisch abgesenkt werden. Dann ist die niederländische Oosterschelde, ein Meeresarm fast so groß wie die Stadt Köln, gegen die Nordsee abgeriegelt. Der Bau des Sturmflut-Wehrs dauert vier Jahre. Da der Meeresboden an der Scheldemündung zu weich ist, um die Last der Betonpfeiler zu tragen, werden 200 Meter lange und 42 Meter breite Matten verlegt. Sie bestehen aus Sand- und Kiesschichten und sind daher dem hohen Druck gewachsen. Zuletzt wird auf der gesamten Länge des Wehrs eine Straße gebaut. Am 4. Oktober 1986 nimmt die niederländische Königin Beatrix das Sturmflut-Wehr in der Provinz Zeeland offiziell in Betrieb.

Der Grund für den Bau des Wehrs ist eine Katastrophe, die sich am 31. Januar 1953 ereignet: Ein Nordwest-Sturm mit Windgeschwindigkeiten von über 180 Kilometern pro Stunde fällt mit der Springflut zusammen, die von den Anziehungskräften des Mondes ausgelöst wird. An der Ostküste Englands ertrinken mehr als 300 Menschen. Überschwemmt wird auch ein schmaler Küstenstreifen von Oostende bis Dünkirchen. Am schlimmsten trifft es Zeeland. An vielen Stellen schlagen die Wellen über die Deichkronen und unterspülen die Dämme von der Landseite her. Die Wassermassen stürzen durch bis zu 200 Meter breite Risse in das unter dem Meeresspiegel liegende Land. Nach nur fünf Minuten steht das Wasser zehn Meter hoch - kaum Zeit für die Schlafenden, sich auf die Dächer ihrer Häuser zu retten. Viele von denen, die trotz absoluter Dunkelheit auf Bäume oder Dächer klettern können, stürzen nach Stunden erschöpft und durchgefroren ins eiskalte Wasser. In den Niederlanden sterben 1.800 Menschen. Bereits im Februar 1953 wird die Delta-Kommission gegründet, die das Land vor weiteren Fluten sichern soll.

Nach und nach werden die Meeresarme in Zeeland - die Deltamündungen von Rhein und Maas - mit Dämmen geschlossen und so vom Meer abgetrennt. Auch die Oosterschelde soll zu einem reinen Binnengewässer gemacht werden. Doch dagegen protestieren Umweltschützer: Die Wasserqualität in der Oosterschelde ist vergleichsweise hoch. Das bei Flut und Ebbe ein- und ausströmende Wasser ist die Voraussetzung für das Überleben zahlreicher Fisch-, Vogel und Pflanzenarten. Auch das Gedeihen der Austern, die in der Schelde gezüchtet werden, ist vom Gezeitenwechsel abhängig. Die Vorbereitungen für den Dammbau werden eingestellt. 1979 beschließt das niederländische Parlament, ein Sturmflut-Wehr zu bauen, das für Ebbe und Flut durchlässig ist.

Stand: 04.10.06