24. April 2005 - Vor 90 Jahren: Beginn des Völkermords an den Armeniern in der Türkei

Stichtag

24. April 2005 - Vor 90 Jahren: Beginn des Völkermords an den Armeniern in der Türkei

"Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?" Mit diesen Worten zerstreut Adolf Hitler am Vorabend des Zweiten Weltkriegs Bedenken gegen den Überfall auf Polen. Auch wenn der Völkermord an den Armeniern nicht dem Holocaust gleicht, nimmt er dennoch Methoden der Nazis vorweg: die Deportation und Vernichtung eines Volkes. Im Frühjahr 1915 gibt die osmanische Regierung den Befehl, die armenische Bevölkerung Anatoliens zu deportieren. Viele Armenier werden von Soldaten, Polizisten und den eigenen Nachbarn massakriert. Nur wenige erreichen die syrische Wüste, wo sie an Hunger, Durst und Seuchen sterben. Sanitätsoffizier Armin T. Wegner ist Zeuge der Todesmärsche. Er erinnert sich, dass "die Felder mit angeschwollenen oder schwarz gewordenen Leichen übersät waren, welche die Luft verpesteten."

Im Deutschen Reich sind die Massaker an den Armeniern kein Geheimnis: In unzähligen vertraulichen Berichten telegrafieren die deutschen Diplomaten im Osmanischen Reich die Gräuel nach Berlin. Botschafter Hans Freiherr von Wangenheim meldet: "Dieser Umstand und die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird, zeigen, dass die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reich zu vernichten." Appelle an den Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg verhallen aus taktischen Überlegungen. Das Osmanische Reich kämpft an der Seite des deutschen und österreichischen Kaisers gegen Frankreich, England und Russland. Deshalb weist der Reichskanzler die Diplomaten in die Schranken: "Unser einziges Ziel ist es, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht."
Die Türkei bestreitet den Völkermord offiziell
Nach der Auffassung von Historikern werden bis zu 1,5 Millionen Armenier Opfer des Genozids. Seit 1913 lenken die so genannten Jungtürken die Staatsgeschicke. Um das zerfallende Vielvölkerreich zusammenzuhalten, gehen sie hart gegen Minderheiten vor. Die christlichen Armenier gelten als angeblich nicht assimilierbar und fünfte Kolonne der europäischen Mächte. Als die Russen an der Kaukasusfront die Oberhand gewinnen, reagiert die osmanische Regierung: Am 24. April 1915 befiehlt Innenminister Talaat Bey, die politische und kulturelle Führung der Armenier zu verhaften. Ohne Prozess werden fast alle Inhaftierten hingerichtet. Einen Monat später folgt der Befehl zur Deportation.
In der heutigen Türkei wird der Völkermord bestritten. Die offizielle türkische Version: In den fraglichen Jahren 1915 und 1916 seien allenfalls 300.000 Armenier ums Leben gekommen - durch Krankheit.


Stand: 24.04.05