02. November 2005 - Vor 250 Jahren: Marie Antoinette wird geboren

Stichtag

02. November 2005 - Vor 250 Jahren: Marie Antoinette wird geboren

Die Geburt Marie Antoinettes nimmt ihre Umgebung der Legende nach kaum wahr. Nur kurz legt Österreichs Kaiserin Maria Theresia die Feder aus der Hand, um am 2. November 1755 ihr 15. Kind zur Welt zu bringen. Als sie sieht, dass es ein Mädchen ist, geht sie zum Schreibtisch zurück. Staatsgeschäfte rufen, vor allem die Aussöhnung mit dem Erzfeind Frankreich steht auf dem Plan. Diesem Plan muss auch Marie Antoinette später ein Opfer bringen. Kaum 14-jährig wird das schöne, aber oberflächliche Mädchen mit dem späteren französischen König Ludwig XVI. vermählt. Ihm folgt sie 1774, noch vom Volk bejubelt, auf den Thron.In Versailles macht Marie Antoinette alles zum Theater. Verspielt wie auf der Bühne muss das Leben sein, leichte Stoffe, Blumenmuster, verschnörkelte Möbel sollen sie umgeben – ein Stil, den sie prägt und dem man später die Bezeichnung "Rokoko" verleiht. Sündhaft teure Freilicht-Feste und heitere Opern-Abende füllen die Langeweile ihres Lebens. Sogar einen idyllischen Bauernhof lässt sie errichten, der ihr bestätigen soll, wie sie sich das Dasein der einfachen Landbevölkerung vorstellt. Der Dreck ist jedoch nur aufgemalt, das Gebäude im Innern für Besuche ihrer Hoheit prunkvoll eingerichtet. Wenn die Kutsche der Königin vorbeibraust, muss ein Schäfer hervortreten und zur Belustigung seiner Herrin die Schafe hüten. Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig hat das in seinem Roman "Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters" (1929-1932) sehr eindrucksvoll beschrieben.

Aber das Volk jenseits der Schlossmauern ist keineswegs so glücklich und auch keineswegs mehr so königstreu, wie es sich die Königin von der luxuriösen Ferne aus herbeiphantasiert. Als in Paris das Brot knapp wird, gehen die Untertanen auf die Barrikaden. Auch wenn der Ausspruch "Dann sollen sie doch Kuchen essen" ihr wohl fälschlich zugeschrieben wird, kann Marie Antoinette die Ereignisse nicht verstehen – und offenbart einmal mehr ihren Realitätsverlust. Als sie den König dazu bringt, seine Unterschrift unter ein Gesetz gegen den Klerus zu verweigern und fremde Heere zum Schutz der Monarchie zur Hilfe ruft, entlädt sich der Volkszorn endgültig. Bei einem Fluchtversuch werden Marie Antoinette und Ludwig XVI. von Revolutionären 1791 bei Varennes abgefangen und im Triumphzug nach Paris zurückgebracht. Im anschließenden Schauprozess zeigt sich Marie Antoinette plötzlich mutig und besonnen, aber der Ausgang steht ohnehin schon fest. Im Oktober 1793 stirbt sie durch das Fallbeil der Guillotine. 400.000 Zuschauer verfolgen diese letzte, unfreiwillige Inszenierung ihres Lebens.


Stand: 02.11.05