22. Juni 2005 - Vor 55 Jahren: Der "Leukoplastbomber" Lloyd 300 kommt heraus

Stichtag

22. Juni 2005 - Vor 55 Jahren: Der "Leukoplastbomber" Lloyd 300 kommt heraus

Glaubt man launigen Anekdoten, ist der Lloyd ein denkwürdiges Plaste-Elaste-Resultat des Kalten Krieges. 1950 soll Carl Borgward spitz bekommen haben, dass ein Spion der DDR seine Bremer Automobilschmiede auskundschaftet. Um "die Brüder in der Zone" zu leimen, schraubten Borgward-Ingenieure darauf unter Leitung des verrückt-genialen Tüftlers ein skurriles Kleinvehikel zusammen. Angesichts der fertigen Juxkiste wollten die Herren dann selbst nicht mehr glauben, dass die Genossen diesen Sperrholzbomber mit Plastehaut als Erlkönig ernst nehmen würden. Vielleicht nur billige Propaganda des Klassenfeinds, aber wie auch immer: Sieben Jahre später rollte in Zwickau der erste Trabbi vom Band. Und die Ähnlichkeit war verblüffend.Die Nachkriegsdeutschen West schließen den am 22. Juni 1950 präsentierten Lloyd 300 sofort ins Herz. Der erste echte Kleinwagen bietet vier Sitze, verbraucht sparsame 5,5 Liter und kostet nur knapp über 3.000 Mark. Den Käfer von VW können sich dagegen nur Ärzte und höhere Beamte leisten. Ein Traummobil also, dieser "Lloyd für kleine Leute", wie Borgward in den Wochenschauen wirbt. Zum wichtigsten Pannenwerkzeug im Lloyd avanciert eine Rolle Klebeband. Jeder "Blechschaden" in der Kunstleder-Karosserie kann an Ort und Stelle perfekt geflickt werden. Neben "Schneewittchensärgen" und "Knutschkugeln" macht der Lloyd deshalb als "Leukoplastbomber" Karriere.

Stolze 350.000 Mal rollt der 75 Stundenkilometer schnelle Mini vom Band - obwohl die Besserverdienenden bald lästern: "Nur wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd." Im Verein mit dem legendären Goliath-Dreirad, seit 1924 unverzichtbarer Lastesel aller Kohlen- und Gemüsehändler, wird Carl Borgward durch den auch als "Schlaglochsucher" verulkten Lloyd zum reichen Mann. Als die Komfort-Ansprüche Mitte der 50er-Jahre steigen, gelingt dem querköpfigen, rastlosen Autokonstrukteur mit der eleganten Isabella sein größter Coup. 1960 steigt Borgward sogar zur Nummer drei unter den deutschen Autoproduzenten auf. Nur ein Jahr später rächen sich jedoch kapitale Management-Fehler. Borgward geht pleite. Im Sommer 1961 bricht der Bremer Auto-Konzern unter großem Getöse vollständig zusammen.Stand: 22.06.05