1. Juni 1941 - Hans Berger, Erfinder des EEG, stirbt

Messung der Hirnströme

1. Juni 1941 - Hans Berger, Erfinder des EEG, stirbt

"Als 19-jähriger Student bin ich bei einer militärischen Übung in Würzburg schwer verunglückt und mit knapper Not einem sicheren Tode entgangen. Ich stürzte, auf dem schmalen Rand eines steilen Hohlweg reitend ... in eine in der Tiefe des Hohlwegs fahrende Batterie und kam unter das Rad eines Geschützes zu liegen. Im letzten Augenblick hielt das mit 6 Pferden bespannte Geschütz an, und ich kam mit dem Schrecken davon", schreibt Hans Berger über seinen Unfall im Jahr 1892. Es ist das Schlüsselereignis seines Lebens.

"Am Abend desselben Tages erhielt ich von meinem Vater eine telegraphische Anfrage, wie es mir gehe? Es war dies das erste und einzige Mal in meinem Leben, daß ich eine solche Anfrage erhielt", erinnert sich Berger. "Meine älteste Schwester ... hatte diese telegraphische Anfrage veranlaßt, weil sie plötzlich meinen Eltern gegenüber behauptete, sie wisse bestimmt, daß mir ein Unglück zugestoßen sei ... Das ist eine spontane Gedankenübertragung". Hans Berger hatte seine Lebensaufgabe gefunden. "Er glaubte an die Telepathie. Er wollte wissen, wie das Gehirn mit anderen Gehirnen kommunizieren kann. Er wollte herausfinden, ob man in der Gehirnaktivität etwas finden kann, das hilft, das Denken eines Menschen zu verstehen", erklärt Professor Heiner Fangerau, Medizinhistoriker an der Universität Düsseldorf.

"Soeben glänzende Elektroenzephalogramme ... aufgenommen!“

1873 geboren, bricht der Sohn eines Arztes sein Astronomie- und Mathematikstudium ab, wechselt zur Medizin, promoviert und habilitiert sich 1901 an der Psychiatrischen Klinik der Universität Jena. Dort sucht Hans Berger nach elektrischen Signalen aus dem Gehirn. Patienten, bei denen ein neuro-chirurgischer Eingriff durchgeführt wird, sind seine Probanden. "Berger hatte die Möglichkeit durch ein Bohrloch direkt an die Hirnrinde ihrer Gehirne heranzukommen und hat versucht dort elektrische Aktivität abzuleiten", sagt Professor Gereon Fink, Direktor der Neurologischen Klinik an der Universität Köln. Bald bringt er zudem Elektroden am Schädel an.

Über Jahrzehnte experimentiert der Einzelkämpfer, bricht seine Versuche immer wieder verzweifelt ab und beginnt wieder neu. Unterdessen erlebt er den Ersten Weltkrieg und wird 1919 zum Klinkchef und Professor in Jena ernannt.

Dann, 1924, nimmt er das erste Elektroenzephalogramm auf. Noch unsicher experimentiert er fünf Jahre weiter und schreibt einmal in sein Tagebuch: "Soeben glänzende Elektroenzephalogramme ... aufgenommen! Ich danke Dir, mein Gott!“ Das Elektroenzephalogramm, die Abbildung der Zick-Zack-Kurven der elektrischen Gehirnaktivität, kurz EEG, gilt als eine der überraschendsten und bemerkenswertesten Entwicklungen in der Geschichte der Neurologie. Auch für die Presse sind die Kurven eine Sensation: "Heute sind es noch Geheimzeichen, morgen wird man vielleicht Geistes- oder Hirnerkrankungen aus ihnen erkennen und übermorgen sich gar schon Briefe in Hirnschrift schreiben“, bemerkt ein Journalist. Im Laufe der nächsten Jahre beschreibt Berger alle wichtigen EEG-Muster - und alle wichtigen Erkrankungsbilder.

Wissenschaftler und Rassenhygieniker

In der Zeit des Nationalsozialismus passt sich Berger an, wird "Förderndes Mitglied" der SS, erkauft sich so Freiraum. "Er scheint ein überzeugter Rassenhygieniker gewesen zu sein", sagt der Medizinhistoriker Heiner Fangerau. Jenes "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" setzt er am Erbgesundheitsobergericht in Jena um, damals Hochburg des Rassenwahns, und ordnet Zwangssterilisationen an. 1938 wird Berger emiritiert, am Euthanasieprogramm oder dem Holocaust hat er wohl keinen Anteil. Während eines depressiven Anfalls erhängt sich der 68-jährige Hans Berger am 1. Juni 1941 im Südflügel II der Medizinischen Klinik in Jena - da, wo er zum ersten Mal die Zickzack-Kurve eines EEG aufzeichnete.

Programmtipps:

Auf WDR 2 können Sie den Stichtag immer gegen 9.40 Uhr hören. Wiederholung: von Montag bis Samstag um 18.40 Uhr. Der Stichtag ist nach der Ausstrahlung als Podcast abrufbar.

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.05 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 1. Juni 2016 ebenfalls an Hans Berger. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.

Stand: 01.06.2016, 00:00