13. Januar 2011 - Premiere des Musicals "Hinterm Horizont"

Stichtag

13. Januar 2011 - Premiere des Musicals "Hinterm Horizont"

Am 25. Oktober 1983 fährt ein weißer BMW auf den Ost-Berliner Grenzübergang Invalidenstraße zu. "Ein historischer Tag", sagt Udo Lindenberg, der seinem ersten Auftritt in DDR entgegenfiebert. "Ich weiß genau, ich habe furchtbar viele Freunde in der DDR." Jahrelang hat sich der Rocksänger vergeblich um ein Konzert in Ostdeutschland bemüht. Doch nun will die SED im Atomwaffenstreit gegen den Westen punkten. Denn der Bundestag will im November 1983 den NATO-Doppelbeschluss absegnen. Darum darf Lindenberg beim Festival "Rock für den Frieden" als erster bundesdeutscher Musiker mit seinem "Panikorchester" in der DDR-spielen.

Vor dem "Palast der Republik" drängeln sich die Fans, in der Halle sitzen nur FDJ-Mitglieder. "Die Blauhemden waren mir scheißegal, das waren bestellte Claqueure, Steiff-Tiere unter Valium und so", erinnert sich Lindenberg. "Merkelchen, hab ich inzwischen erfahren, war ja auch dabei, hat sich damals schon an den Paniksongs hochgezogen und so." Dieser Auftritt bildet Jahre später den Ausgangspunkt für das Musical "Hinterm Horizont", das angeblich auf Lindenbergs wahrem Leben basiert. Die Handlung der Ost-West-Romanze ist allerdings eine Mischung aus Fakten und Fiktion.

Jessy alias Manuela

Auf der Bühne wird die Geschichte so erzählt: Beim Ost-Berliner Auftritt verliebt sich Udo in das FDJ-Mädchen Jessy. Aber Udo muss bald wieder ausreisen. Jessys Bruder versucht deshalb, einen Liebesbrief in den Westen zu schmuggeln, wird aber gefasst. Erst als sich Jesvsy bei der Staatssicherheit verpflichtet, als IM "Regenwurm" Udo auszuspionieren, kommt ihr Bruder frei. Sie trifft in Moskau Udo, kehrt schwanger zurück, verschweigt aber, wer der Vater ist. Bevor es zum Happy End kommt, heiratet Jessy ihren alten Freund, einen DDR-Sportler. Dann fällt die Mauer: Udo und Jessy treffen sich im Hamburger Hotel Atlantic wieder - zusammen mit dem gemeinsamen Sohn.

Tatsächlich trifft Lindenberg seine Ost-Berliner Liebe nicht erst bei seinem DDR-Auftritt 1983, sondern bereits viel früher. "Ich war das erste Mal 73 unterwegs, da ein bisschen rum gestreunt in den Straßen und so, Lindi 'Unter den Linden', und dann treffe ich dieses Mädchen", so Lindenberg. "Es gab natürlich ein bisschen Flirterei, Schmuserei und dergleichen." Sie heißt nicht Jessy, sondern Manuela - kurz: Manu. Wieder im Westen schreibt Lindenberg den Titel "Wir wollen doch einfach nur zusammen sein (Mädchen aus Ostberlin)". Er organisiert für sie die Flucht aus der DDR. Doch beim nächsten Treffen, bei dem er mit Verlobungsring erscheint, taucht Manu nicht auf. Dafür wird Lindenberg in den Westen abgeschoben. Nach dem Mauerfall erfährt er: Manu war wohl als Stasi-IM auf ihn angesetzt.

Wenders: "Die Legende lebt"

Während in der Realität das Happy End ausbleibt, ist die Premiere des Musicals "Hinterm Horizont" ein Erfolg. Am 13. Januar 2011 wird vor dem Theater am Potsdamer Platz in Berlin der rote Teppich ausgerollt. Lindenberg fährt in einem Trabi der Volkspolizei vor. Noch bevor sich der Vorhang hebt, erhält der Musiker tosenden Applaus. Fast ein halbes Jahr haben die Proben gedauert: "Liebe Leute, das war wie so ein Raumflug jetzt - der Udonaut und die fantastische Crew. Und alle haben gebastelt, gemacht und getan und gezaubert und so", sagt Lindenberg, der oft dabei war. "Und jetzt ist das Raumschiff ready und heute ist die Premiere."

Die geladene Prominenz ist begeistert. "Es ist wirklich eine Krönung des Schaffens von Udo Lindenberg, hat mir sehr gut gefallen", sagt Komiker Dieter Hallervorden. Auch für Filmregisseur Wim Wenders ist das Urteil klar: "Ich sag es in drei Worten: Die Legende lebt!" Doch eine Frage bleibt nicht nur an diesem Abend offen: Hat Lindenberg tatsächlich einen Sohn? Darauf hat auch Lindenberg-Darsteller Serkan Kaya keine Antwort: "Diese Frage werden wir wohl zur Gänze nie beantworten können."

Stand: 13.01.2016

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