30. November 1676 - Hamburger Feuerkasse gegründet

Feuerwehreinsatz um 1870

30. November 1676 - Hamburger Feuerkasse gegründet

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist Nordeuropa eine Region verheerender Brände. Die meisten Häuser in den Städten sind aus Holz gebaut, ihre Dächer mit Stroh gedeckt, die Flammen haben leichtes Spiel. Mit dem Feuer macht sich die Unsicherheit breit. Und mit der Unsicherheit sinkt die Bereitschaft, teure, aber sicherere Häuser zu bauen. Stattdessen setzen die Bürger gerade wegen der Brände auf Materialien, die zwar leicht brennbar sind, aber Gebäude schnell wieder aufbaubar machen: ein Teufelskreis.

Die Folgen zeigen sich am eindringlichsten beim großen Brand von London im Jahr 1666. Die Feuersbrunst zerstört rund 80 Prozent der Stadt und macht 100.000 Einwohner mit einem Schlag obdachlos.

Häuser statt Schiffe versichern

Auch in Hamburg richten Großfeuer in den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts gewaltige, für die Bürger existenzbedrohende Schäden an. Einer von ihnen klagt, man sei "ob unserer Sünde willen von Gott in seinem gerechten Zorn zu viel Mahlen mit Feuersbrünsten heimgesuchet" worden "als bei Menschen Gedenken nicht geschehen." Da Brandschutz und Brandbekämpfung noch unbekannt sind, will der Rat der Stadt zumindest die ruinösen Folgeerscheinungen abmildern. Am 30. November 1676 gründet er mit der "Hamburger Feuerkasse" die erste Feuerversicherung der Welt. Gleich zu Beginn werden 4.200 Häuser versichert.

Das Prinzip einer Versicherung ist in der Hansestadt wohlbekannt. Die dort ansässigen Kaufleute haben gelernt, ihre verschiffte Ware vor Piratenattacken und Untergang zu schützen. Der Fall, statt Schiffen Häuser zu versichern, ist aber neu. Zwar hatten zuvor bereits so genannte Brandgilden versucht, Betroffenen in der Not zu helfen, jetzt aber bekommt der Schutz ein vertragliches Fundament. Aus dem notgeborenen Solidaritätsverbund wird eine Gemeinschaft, deren Schutz berechenbar – und gut berechnet – ist. Acht Millionen Reichstaler sind am Anfang im Hauptbuch der Kasse verzeichnet.

Ein Quart Risiko bleibt

Wer über die Hamburger Feuerkasse geschützt sein will, muss jährlich vier Schilling von tausend Mark auf den Versicherungswert seines Hauses einzahlen. Der Schutz ist allerdings nicht allumfassend: Im Schadensfall tragen die Versicherten ein Viertel der Kosten trotzdem selbst. Damit will der Rat verhindern, dass der Schutz die Sorglosigkeit der Bürger befeuert oder gar Begehrlichkeiten entstehen, aus einem heruntergekommenen Haus mit einem eigens gelegten Brand ein schöneres zu machen. Auch sind die Versicherten im Fall von größeren Brandkatastrophen zu Nachzahlungen verpflichtet.

Kurz nach der Gründung der Feuerversicherung steht bereits wieder ein ganzer Stadtteil Hamburgs in Flammen. 1684 werden etwa 1.500 Häuser zerstört. 220 Bürger werden von der Feuerversicherung entschädigt. Dank solcher Erfolge findet die Hamburger Feuerkasse in den deutschen Fürstentümern von Bayern bis Berlin, aber auch im Rest Europas zahlreiche Nachahmer. Auf Ratschlag des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz etwa führt Preußen 1685 Feuerkassen ein. Privatwirtschaftlich wird der globale Markt bald von englischen Unternehmen übernommen. Ab dem frühen 19. Jahrhundert erobern sie als Aktiengesellschaften in atemberaubender Geschwindigkeit den gesamten Globus.

Programmtipps:

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"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 30. November 2016 ebenfalls an die erste Feuerversicherung. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.

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Stand: 30.11.2016, 00:00