22. Juni 1802 - Grundstein für Kinderarbeitsschutz

Kinderarbeit in einer englischen Weberei des 19. Jahrhunderts.

22. Juni 1802 - Grundstein für Kinderarbeitsschutz

Auf dem Höhepunkt der industriellen Revolution tragen sieben von zehn Menschen in England Baumwollkleidung, die in Manchester hergestellt wird. "Die Arbeitsbedingungen in den Baumwollfabriken waren schrecklich. Auch Kinder haben hier gearbeitet. Manche von ihnen waren gerade einmal fünf Jahre alt. Sie wurden die kleinen britischen Sklaven genannt", sagt Jacqueline Reich vom Museum für Wissenschaft und Industrie in Manchester.

Erstes Arbeiterschutzgesetz erlassen (am 22.06.1802)

WDR 2 Stichtag 22.06.2017 04:16 Min. Verfügbar bis 20.06.2027 WDR 2


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Am 22. Juni 1802 reagieren die Politiker und erlassen das Gesetz für die Gesundheit und Moral von Armenlehrlingen in mechanischen Baumwollspinnereien. "Das Gesetz regelte, dass Kinder nur zwölf Stunden am Tag arbeiten durften – und zwischen neun Uhr abends und sechs Uhr früh gar nicht", sagt Ulrich Pfister, Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Münster.

Arbeiterfamilien stehen nicht hinter Gesetz

Umsetzen sollen das Gesetz lokale Friedensrichter, die Inspektoren ernennen. Eine staatliche Kontrolle gibt es jedoch nicht. "Deswegen haben Zeitgenossen beklagt, dass das Gesetz wenig bewirke", sagt Pfister.

Auch die Arbeiterfamilien selbst stehen nicht hinter dem Gesetz. "Dort, wo Menschen arm sind, leistet Kinderarbeit einen wichtigen Beitrag zum Familieneinkommen. Auch aus diesem Grund waren Familien in den europäischen Unterschichten dem Arbeiterschutz gegenüber lange Zeit kritisch eingestellt", erklärt Ulrich Pfister.

Er sieht erst das britische Gesetz von 1833 als Ursprung der modernen Arbeitsgesetzgebung. "Für alle Kinder in der Baumwollindustrie wurden Arbeitszeitbeschränkungen erlassen und zudem zum ersten Mal staatliche Inspektoren ernannt", sagt Pfister.

Familien sind auf Arbeit ihrer Kinder angewiesen

In Deutschland nimmt das staatliche Inspektorat in den 1850er-Jahren in Preußen seine Arbeit auf, später in Baden. Erst in den 1890er-Jahren reicht das Personal, um die Zustände in den Fabriken tatsächlich beeinflussen zu können.

"Familien sind oft auf die Kinderarbeit angewiesen. Deshalb ist es wichtig, dass sich nicht nur die Wirtschaft so entwickelt, dass es keine Kinderarbeit mehr braucht", sagt der Sozial- und Wirtschaftshistoriker Pfister.

Immer noch arbeiten 168 Millionen Kinder

Seine Kommentare zur Zeit der industriellen Revolution sind aktueller denn je: Immer noch arbeiten laut Unicef 168 Millionen Kinder zwischen fünf und 17 Jahren: Sie pflücken Paprikaschoten in Mexiko oder Kakaobohnen in der Elfenbeinküste. Sie schleifen und polieren Kochtöpfe in Indien. Sie schuften in den Steinbrüchen von Bolivien oder den Goldminen in Burkina Faso. Sie sortieren Müll auf den Halden im Irak oder verdingen sich als Hausmädchen in Mauretanien. Die meisten Kinder arbeiten laut Unicef in der Landwirtschaft.

Immerhin ist die Zahl seit dem Jahr 2000 von 246 Millionen um ein Drittel gesunken.

Hauptursache für Kinderarbeit ist bis heute die Armut, oft in Kombination mit anderen Faktoren. "Konflikte und Naturkatastrophen verschärfen die wirtschaftliche Not, weil der Haupternährer tot oder von der Familie getrennt ist, weil Felder nicht bestellt werden können oder andere Einnahmequellen wegfallen", sagt Ninja Charbonneau vom Kinderhilfswerk Unicef.

Und Kailash Satyarti, Vorsitzender von Global March Indien, einer Hilfsorganisation, die gegen Kinderarbeit kämpft, sagt: "Die Kinder fragen oft: Was können wir dafür, dass wir in eine arme Familie geboren wurden? Dass wir in einem armen Land leben? Diese Frage muss sich die ganze Welt stellen."

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Stand: 22.06.2017, 00:00