9. September 2000 - Enver Şimşek wird niedergeschossen

Montage: Enver Simsek, mutmaßlich erstes NSU-Mordopfer; Tatort-Parkplatz in Nürnberg

Stichtag

9. September 2000 - Enver Şimşek wird niedergeschossen

Der 9. September 2000 ist ein lauer Spätsommertag, der letzte Feriensamstag in Bayern. Üblicherweise liefert der Blumengroßhändler Enver Şimşek nur Ware aus. Da aber einer seiner Verkäufer Urlaub hat, vertritt er ihn an diesem Tag bei dem mobilen Blumenstand an der Liegnitzer Straße in Nürnberg. Gegen Mittag ist Şimşek gerade in seinem Transporter, als sich ihm an der stark befahrenen Ausfallstraße zwei junge Männer in Radlerkleidung nähern. Die Männer feuern acht Schüsse auf den 38-Jährigen ab, schließen die Tür des Autos und entfernen sich vom Tatort.

Erst Stunden später wird Şimşek gefunden. Zwei Tage später stirbt er im Krankenhaus, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Der 38-Jährige aus dem hessischen Schlüchtern war verheiratet, Vater von zwei Kindern und gläubiger Muslim. 1986 war er aus der Türkei nach Deutschland gekommen, hatte zunächst als Fabrikarbeiter gejobbt, dann als Blumenverkäufer gearbeitet und schließlich einen Großhandel mit eigenen Läden und Verkaufsständen eröffnet.

Die Behörden vermuten Mafia der Opfer

Seine Blumen hatte Şimşek an der Blumenbörse in den Niederlanden besorgt. Da die Polizei Holland auch als Rauschgiftmarkt kennt, schließt sie daraus, Şimşek habe möglicherweise Kontakte zur Drogen-Mafia gehabt. Zudem gerät seine Familie in den Fokus der Ermittler. Die vermuteten Motive sind Eifersucht oder Habgier. Fragwürdige Ermittlungsmethoden werden eingesetzt: "Man hat meiner Mutter ein Foto von einer blonden Frau gezeigt, sie wär angeblich die Geliebte von meinem Vater und sie hätten gemeinsam zwei Kinder", sagt Semiya Şimşek, die den Tod ihres Vaters als 14-Jährige erlebt hat. Ihre Mutter sei aber nicht auf den Trick hereingefallen, sie habe der Polizei gesagt: "Dann sind es ja auch meine Kinder, die können bei uns gleich einziehen."

Die Ermittlungen kommen nicht voran. Mit derselben Tatwaffe werden bis 2006 bundesweit acht weitere Kleinunternehmer mit Migrationshintergrund erschossen. Die Polizei wertet das als Hinweis, dass tatsächlich eine "Türken-Mafia" hinter den Taten steckt. Die Sonderkommissionen der Ermittler tragen deshalb Namen wie "Soko Halbmond" und "Soko Bosporus". In den Medien wird für die Mordserie der herabsetzende und irreführende Begriff "Döner-Morde" benutzt, da zwei Opfer in einem Schnellimbiss gearbeitet haben. "Nach dem dritten Mord dachten wir, die Polizei ermittelt falsch", erinnert sich Semiya Şimşek. Auf die Aufforderung, doch auch in Richtung Ausländerfeindlichkeit zu ermitteln, habe die Polizei aber jeweils nur auf die fehlenden Bekennerschreiben verwiesen. Auf Rechtsterrorismus gebe es keine Hinweise.

Der NSU enttarnt sich selbst

Dann, elf Jahre nach dem Mord an Enver Şimşek, explodiert am 4. November 2011 in Zwickau eine Wohnung. Es ist das Versteck der drei untergetauchten Rechtsextremisten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, die der Verfassungsschutz Ende der 1990er Jahre aus den Augen verloren hatte. Sie nennen sich "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). Mundlos und Böhnhardt sind zuvor am gleichen Tag tot in ihrem Wohnmobil aufgefunden worden, nachdem sie nach einem Banküberfall vor der Polizei geflüchtet waren. In den Trümmern der Zwickauer Wohnung finden die Fahnder neben der Tatwaffe auch ein Video mit deutlichen Bezügen zu der Mordserie und weiteren Verbrechen wie den Nagelbomben-Anschlag in der Kölner Keupstraße 2004. Ihr Motiv: Ausländerhass.

Daraufhin werden in den Parlamenten Untersuchungsausschüsse auf Bundes- und Landesebene eingerichtet, um zu klären, wie es dazu kommen konnte, dass eine rechtsextreme Terrorgruppe jahrelang unentdeckt morden konnte. "Man hat sich erst die Scheuklappen aufgesetzt, sich versteift auf eine Hypothese, es müsse sich um organisierte Kriminalität handeln, und dann hat man die Ermittlungsarbeit aufgenommen", sagt 2013 Sebastian Edathy, Leiter des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestages. "Das war eines Rechtsstaates unwürdig." Auch die Justiz beschäftigt sich mit den Folgen des Behördenversagens: Seit Mai 2013 müssen sich vor dem Oberlandesgericht München das überlebende Mitglied des NSU-Trios, Beate Zschäpe, und vier mutmaßliche Unterstützer verantworten. Semiya Şimşek verfolgt das Verfahren als Nebenklägerin: "Dann werde ich sehen, ob ich diesem Staat nochmal vertrauen kann oder nicht."

Stand: 09.09.2015

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