Der Umweltaktivist Bruno Manser nach seiner Ausweisung aus Malaysia am Donnerstag, 1. April 1999 an einer Pressekonferenz auf dem Flughafen Zürich-Kloten

Stichtag

25. Mai 2000 - Umweltaktivist Bruno Manser wird vermisst

"Wenn ich groß bin, möchte ich einen guten Beruf haben, der mit der Natur zu tun hat, zum Beispiel Naturforscher", schreibt Bruno Manser als Zwölfjähriger in einem Aufsatz. "Könnte ich nur einmal nach Sumatra, Borneo und Afrika und dort tief im Dschungel zwischen Gorillas, Orang Utans und anderen Tieren wie ein Höhlenbewohner hausen." Schon als Schüler liebt der Schweizer, der am 26. August 1954 in Basel geboren wird, die Natur. Er klettert bis in die Kronen der höchsten Bäume und baut sich ein Bett aus Holz und Blättern - zur Verwunderung seiner Eltern und fünf Geschwister. "Manser schlief ja schon als Junge draußen auf dem Balkon, auch im Winter", sagt Manser-Biograf Ruedi Suter.

Nach seiner Matura schreibt sich Manser zunächst als Medizinstudent ein. Als er den Wehrdienst in der Schweizer Armee verweigert, wird er zu vier Monaten Haft verurteilt. Danach verzichtet er auf das Studium. Manser will in dieser Zivilisation kein konventionelles Leben führen und arbeitet deshalb abgeschieden in den Schweizer Alpen. "Er lernte unaufhörlich ein Handwerk nach dem anderen, um autark leben zu können", sagt Suter. Manser habe schlachten, gerben, zimmern, jagen, fischen, stricken gelernt. "Er machte sich seine Schuhe selber." Zehn Jahre lang lebt Manser als Senn und Schafhirt. Dann verschwindet sein alter, kranker Hirtenhund spurlos - und Manser verwirklicht seinen Kindheitstraum: Im Januar 1984 reist er nach Thailand und weiter nach Borneo in den Urwald.

Sechs Jahre bei Waldnomaden

"Wir waren der erste Stamm, der ihm begegnete", erinnert sich Sigang von den Penan, die als Waldnomaden im Regenwald von Borneo leben. "Wir waren auf der Jagd, als wir ihn im Dschungel trafen. Er pfiff uns zu, machte einige Schritte und hob ohne zu zögern die Hand zum Gruß." Die Penan nehmen Manser auf und nennen ihn "Laki Tawan", den "verlorenen Mann". "Sechs Jahre blieb er bei den Penan und lernte rasch ihre entbehrungsreiche Lebensweise", so Biograf Suter. "Er ging bald nackt wie sie, lernte vom Blasrohrschießen über das Flechten bis zum Zubereiten der Sago-Mahlzeit alles." Nach dem Biss einer Giftschlange habe er sich sogar einen Beinmuskel herausoperiert. In seinen Tagebüchern und mit Zeichnungen dokumentiert der Schweizer das Wissen und die Techniken der Nomaden.

Doch das herkömmliche Leben der Penan wird gestört: Internationale Holzkonzerne schlagen Schneisen in die unberührte Natur - fällen, roden und asphaltieren. Die Lizenzen dafür erhalten sie von Taib Mahmud, dem Regierungschef des ostmalaysischen Bundesstaates Sarawak. Manser wird zum Verteidiger der Wälder und der Penan. Er berät sie, will aber nicht ihr Anführer sein. Gewaltlos werden die Zufahrtsstraßen der Holzkonzerne über acht Monate lang blockiert. Die Penan fordern die Anerkennung ihrer Landrechte - ohne Erfolg. Manser wird zur unerwünschten Person. In seinem Tagebuch notiert er, dass Kopfgelder in Höhe von 50.000 Dollar auf ihn ausgesetzt worden seien.

Weltweite Protestaktionen

Im März 1990 gelingt Manser mit gefärbten Haaren, verändertem Äußeren und falschen Pässen die Flucht aus Malaysia. In der Schweiz startet er eine weltweite Kampagne zur Rettung der Tropenwälder. Er sammelt Spenden, gründet in Basel den heute noch aktiven Bruno-Manser-Fonds. Mit einem 60-tägigen Hungerstreik vor dem Schweizer Parlamentsgebäude in Bern will er 1993 einen Importstopp für Tropenholz erreichen. Auch in Tokyo protestiert Manser fastend gegen das Vorgehen japanischer Holzkonzerne. In London stört er einen G7-Gipfel und in Davos das Weltwirtschaftsforum. 1999 fliegt Manser mit einem motorisierten Hängegleiter auf die Residenz des Regierungschefs in Sarawaks Hauptstadt Kuching, um sich verhaften zu lassen. Auch seine Ausweisung sorgt für Schlagzeilen.

Trotz Einreiseverbot kehrt Manser immer wieder inkognito nach Sarawak zurück. Die Penan sind mittlerweile gespalten. Viele der Nomaden haben resigniert und ihren Protest aufgegeben. Als der Umweltaktivist im Mai 2000 nach Borneo reist, will er wenigstens die Errichtung eines Schutzreservates erreichen. Doch dazu kommt es nicht. Seinen letzten Brief schickt er am 23. Mai 2000 an seine Freundin in der Schweiz. Darin schreibt er, er werde am nächsten Tag zu den Penan aufbrechen. Doch dort kommt er nie an. Mehrere Suchaktionen bleiben erfolglos: Versteckt er sich, ist er verunglückt, hat er seinem Leben ein Ende gesetzt oder ist er Opfer von Kopfgeldjägern geworden? Am 10. März 2005 wird Bruno Manser vom Zivigericht des Kantons Basel-Stadt offiziell für verschollen erklärt - auf Antrag seiner Mutter und seiner Geschwister.

Stand: 25.05.2015

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