25. August 1835 - "New York Sun" veröffentlicht Zeitungsente

Stichtag

25. August 1835 - "New York Sun" veröffentlicht Zeitungsente

Große Geschichten fangen manchmal klein an. So auch im Spätsommer 1835, als die "New York Sun" in einer unscheinbaren Meldung auf der zweiten Seite ankündigt, dass sie Berichte einer schottischen Wissenschaftszeitung erhalten hat - mit interessanten astronomischen Entdeckungen. Vier Tage später, am 25. August 1835, beginnt die Zeitung mit den Enthüllungen: Der Held der Geschichte ist John Herschel, ein bekannter Astronom, der am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika ein neues Teleskop gebaut hat. Das ist bereits der einzige wahre Teil der sechsteiligen Reportage.

Schon in der nächsten Ausgabe wird es fantastisch: Herschel habe Krater und Berge auf der Mondoberfläche entdeckt. "Das Sichtfeld war überall überflutet mit einer schönen, klaren und so lebendigen Formation von Basalt-Felsen. Ihre Farbe war ein grünes Braun", beschreibt "Sun"-Autor Richard Adam Locke die angeblichen Entdeckungen. Am dritten Tag geht es um Tiere, zweibeinige Biber lebten auf dem Erdtrabanten. Im folgenden Teil werden gar Fledermaus-Menschen gesichtet. Den Berichten zufolge kann Herschel diese Wesen sogar beim Paarungsverhalten beobachten. Schließlich soll der Astronom noch einen Tempel auf dem Mond entdeckt haben.

Lügen, um die bittere Realität zu vergessen

Leben außerhalb der Erde - das ist eine Sensation ganz nach dem Geschmack der "Sun"-Verleger. Das Blatt brauchte spannende Themen, damit die Leute die Zeitung auf der Straße kaufen. Die Ausgaben mit den Mondreportagen finden reißenden Absatz, die Geschichte wird schnell zum Gesprächsthema in New York. Konkurrenzverlage beeilen sich mit dem Nachdruck, was der "Sun" weitere Einnahmen beschert. Nach einem Monat wird nicht nur an der gesamten Ostküste über Herschels Entdeckungen diskutiert, auch die europäischen Blätter steigen ein.

Zwar räumen einige Zeitungen ein, dass sie nicht wissen, ob die Geschichte stimmt. Gedruckt wird sie trotzdem. "Sie ist so gut geschrieben und lenkt von echten politischen Themen - wie der Abschaffung der Sklaverei - ab. Sie ist einfach unterhaltsam", erklärt Jonas Bjork, Professor für Journalismus-Geschichte an der Indiana University, die unkritische Berichterstattung der Medien.

Überraschter Astronom

Als einer der ersten bezweifelt das "Journal of Commerce" den Wahrheitsgehalt. Denn die "Sun" weigert sich, die angeblichen Quellenberichte im "Edinburgh Journal of Science" vorzulegen. Wie auch, das schottische Wissenschaftsmagazin publiziert bereits seit zwei Jahren nicht mehr. Andere Journalisten nehmen Kontakt zu Herschel auf, der von seinen angeblichen Entdeckungen mehr als überrascht ist. Weder zweibeinige Biber noch Fledermaus-Menschen hat der Astronom je mit seinem Teleskop gesichtet.

Wenige Wochen nach der Veröffentlichung räumt die "Sun" den Schwindel ein. Aber da haben schon viele Blätter in aller Welt die Mondreportage nachgedruckt. "The Great Moon Hoax", der große "Mondschwindel", geht als erste groß angelegte Zeitungsente in die Geschichte ein. Im Nachrichten-Geschäft kommt es eben nicht immer auf die Wahrheit an, manchen Verlegern ist die Auflage wichtiger. Ein Konzept, das bestimmte Blätter bis heute verfolgen.

Stand: 25.08.2015

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