8. August 1975 - Nach Taifun in China brechen 62 Staudämme

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Stichtag

8. August 1975 - Nach Taifun in China brechen 62 Staudämme

Henan im zentralen Osten Chinas gilt als Ursprungsregion der chinesischen Kultur. Fast 100 Millionen Menschen leben in der drittgrößten Provinz der Volksrepublik, darunter die für ihre Kampfkunst weltberühmten Mönche des Shaolin-Klosters. Die weite Tiefebene Henans mit dem großen Huai-Fluss und seinen vielen Nebenläufen wird seit Urzeiten regelmäßig von Überschwemmungen heimgesucht.

Während Mao Zedongs "Großem Sprung nach vorn" in den 1950er Jahren wird ein System von Stauseen und Dämmen errichtet, das die wichtigste Kornkammer Zentralchinas schützen soll. Doch 1975 geht über Henan eine Sintflut von historischem Ausmaß nieder, die 62 Staudämme zum Bersten bringt. Etwa 230.000 Menschen, so viele wie bei dem verheerenden Tsunami in Südostasien 2004, kommen dabei ums Leben.

Unzerstörbarer "Eisendamm"

Am Damm des Banqiao-Stausees, mit 492 Millionen Kubikmetern das größte und oberste Überschwemmungsreservoir der Region, zeigen sich schon bei der Vollendung Risse und Verwerfungen. Immer wieder hatte Chinas erfahrenster Hydrologe Chen Xing auf Konstruktions- und Materialfehler hingewiesen, wurde aber als unangenehmer Kritiker von der Regierung kaltgestellt. Stattdessen leiten sowjetische Ingenieure die Reparatur und Erweiterung des Banqiao-Dammes. Nach der Fertigstellung Anfang der 60er Jahre als unzerstörbarer "Eisendamm" gepriesen, soll er einer Jahrtausendflut standhalten können.

Ende Juli 1975 bildet sich über dem chinesischen Meer der Super-Taifun "Nina" und rast mit 184 Kilometer pro Stunde auf das Festland zu. Am 3. August erfahren die Bewohner Henans erleichtert, dass "Nina" an Kraft eingebüßt hat und zum Sturm herabgestuft wurde. "In der Folge entwickeln sich heftige stationäre Gewitter mit Starkregen", meldet der Wetterbericht. Dann fällt binnen 24 Stunden so viel Regen wie sonst im gesamten Jahr. Drei Tage lang schüttet es ohne Pause über der Henan-Ebene. Am 6. August steht das Wasser am Banqiao-Damm bereits bis zur Krone. Die Stauwerker wollen zur Entlastung einige Schleusen öffnen, doch die Tore sind durch abgelagertes Sedimentgestein blockiert. Die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten.

Staumauern fallen wie Dominosteine

In der Nacht des 8. August liegt der Pegelstand am Banqiao 117,94 Meter über dem Meeresspiegel, 30 Zentimeter höher als die Staumauer. Gegen 00.30 Uhr bricht als erstes der Shimantan, der zweitgrößten Damm der Region. Eine halbe Stunde später zerbirst der überflutete Banqiao-Damm unter dem ungeheuren Druck. Eine zehn Kilometer breite und sieben Meter hohe Wasserwand bringt die nächste Staumauer zum Einsturz, so dass eine immer größere Flutwelle die Provinz überrollt. Nacheinander werden in dieser Nacht insgesamt 62 Dämme wie Dominosteine weggespült.

Als es Tag wird, gleicht die Tiefebene von Henan einer endlosen Wüste aus braunem Wasser. Bis zu 85.000 Bewohner sind sofort ertrunken, weitere 145.000 Menschen sterben noch an Epidemien und Hunger. Nach zehn Tagen sind eine Million Chinesen noch immer für jede Hilfe unerreichbar. Beim Neubau der zerstörten Dämme und Schleusen vertraut die Regierung wieder dem Rat des ausgebooteten Hydrologen Chen Xing.

Bedeutend besser als das Katastrophenmanagement funktioniert Chinas Nachrichtenkontrolle. Zwei Jahrzehnte lang erfährt das Ausland nichts von der schwersten Stauanlagen-Katastrophe der Weltgeschichte. Erst 1995 macht die Organisation Human Rights Watch das Desaster publik - als viele der zerstörten Staudämme schon wieder aufgebaut worden sind.

Stand: 08.08.2015

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